Sollte eines Tages eine Dissertation über Kraftausdrücke in klassischen Opern entstehen, dürfte sie eher kurz geraten. Gut: In Puccinis "Mantel" fällt das Wort "Schlampe". In den Jahrhunderten davor setzte es aber selten Vokabeln aus der Rohrspatzabteilung.

Ganz anders da die jüngste Neuproduktion der Staatsoper: Mit einem Großaufgebot an Verbalinjurien erweckt diese Premiere nachgerade den Eindruck, sie wolle historische Schimpfwortversäumnisse der alten Dame Oper durch eine einzige Vorstellung wettmachen - mit Unterleibsvokabeln wie A-Loch oder W-er bis hin zu der Beleidigung, das Gegenüber sei zu blöd zum, ähm, Kopulieren. Muss das gar so grob sein?

Der extra-ordinären Wortwahl lag jedenfalls ein verständlicher Wunsch zugrunde, nämlich: Teenager ans Haus zu locken. Bei der Premiere ist es zumindest gelungen: Hunderte Halbwüchsige haben (wohl auch dank der Einwirkung der Elterngeneration) im Saal Platz genommen und weitgehend ohne Abgänge die Abenteuer von "Tschick" verfolgt.

Der gleichnamige Teenager-Roman von Wolfgang Herrndorf traf im Jahr 2010 einen Nerv der Zeit, fand in Fatih Akin einen Filmregisseur und wurde vom Deutschen Ludger Vollmer 2017 auf die Opernbühne bugsiert.

Schön an seiner Musikfassung: Sie vermittelt den Roadtrip der Außenseiter Tschick und Maik auf hohem Tempo, vom Kennenlernen über ihre Reise in einem gestohlenen Lada gen Süden (in der teil-austrifizierten Fassung der Staatsoper geht’s von Wien übers Burgenland Richtung Walachei) bis hin zu zwei Autounfällen.

Erfreulich, dass Vollmers Musik griffige Melodien besitzt und hier und da wilde Dissonanzen auftürmt; schön auch, dass sie unter Dauerstrom steht: Da drängen die Rhythmen voran, melden sich im Orchester (Leitung: Johannes Mertl) auch Schlagzeug, Percussion, Rock-Orgel und E-Gitarre zu Wort, mischt sich etwas Kammer-Opernhaftes mit Drum-Beats der Marke Queen, jazzen ein paar Blue Notes, kurz: ergibt sich ein buntes Klangbild. Allerdings: Dieser Stilmix dürfte vor allem auf Menschen jugendlich wirken, die weit vor 2000 geboren sind. Popmusik der Gegenwart klingt in dieser Jugendoper nicht an.

Schade auch, dass "Tschick" in Wien enge Grenzen gesetzt sind. Die Regie (Krysztina Winkel) findet nur vor dem Eisernen Vorhang Raum und ist wohl nicht mit einem üppigen Budget bedacht worden: Drei Podestleitern auf Rollen dienen als Hauptrequisit und Autoersatz, dahinter prangt ein unscharfes Landschaftsbild. Am aufwendigsten, wenn sich der engagierte, doch anfangs schwer verständliche Jugendchor zu einer Teenager-Party formiert und das Gewusel auf eine Videoleinwand übertragen wird.

Mitreißend dafür die beteiligten Jungsänger, vor allem Felix Pacher als bassmächtiger Tschick neben Constantin Müller als liebenswertem Maik und - hier schlägt der Applauspegel kurz aus - Marlene Janschütz als punkigem Wildfang Isa. Fazit: 100 Minuten mit Mängeln, aber Vitalität. Tipp an die Saalneulinge: Zwecks Textverständnis unbedingt Untertitelanlage einschalten!(irr)