Wer leitet ab 2024 das Burgtheater? Martin Kušej wird es nicht sein, so viel ist gewiss. Der amtierende Intendant hat seine Bewerbung für eine zweite Amtsperiode zurückgezogen. "Meine Person und das gesamte Burgtheater wurden durch den späten und langwierigen Entscheidungsprozess zur Zukunft der Burgtheaterdirektion in eine unsägliche, das Haus schädigende Situation manövriert", heißt es in einem schriftlichen Statement. "Grundlage für die Zukunft meiner Arbeit als Direktor über meinen laufenden Vertrag hinaus ist uneingeschränktes Vertrauen von Seiten des Eigentümers. Dies ist offensichtlich nicht gegeben, daher ziehe ich meine laufende Bewerbung zur Fortsetzung meiner Direktion mit sofortiger Wirkung zurück."

Chaotisch und autoritär?

Kušejs Rückzug kommt überraschend. In Interviews äußerte er sich zuletzt noch kämpferisch: "Ich bin mit dem Burgtheater noch nicht fertig." Freilich ist eine gewisse Resignation, vielleicht auch persönliche Kränkung durchaus nachvollziehbar. Mit dem selbst gewählten Rückzug in allerletzter Minute, versucht der 61-Jährige in einer würdelosen Situation einen Rest an Würde zu wahren. Denn die Spekulationen der vergangenen Monate rund um die Nachbesetzung sind im Wiener Kulturleben ziemlich ungewöhnlich. Üblicherweise wird eine künstlerische Leitungsperiode von fünf Jahren einmal ohne großes Aufsehen verlängert, zwei Perioden sind einer Intendantin bzw. einem Intendanten meist gewiss.

Allein, dass dies dem amtierenden Burgtheater-Direktor Martin Kušej verwehrt wurde, war schon ein Alarmzeichen. Was ist schief gelaufen?

Der Kärntner Regisseur trat 2019/20 seine erste Spielzeit am Burgtheater mit vielversprechender Ankündigungen an: Aus der Nationalbühne sollte eine International-Bühne werden, Theatermacher aus aller Welt sollten in Wien eine künstlerische Heimat finden. Corona, der pandemiebedingte Lockdown und die Reisebeschränkungen bremsten den Neubeginn jäh ein.

Durchwachsene Bilanz

Kušejs künstlerische Bilanz ist durchwachsen. Wenige Aufführungen vermochten eine Strahlkraft zu entfalten. Der Hausherr konnte mit seinen eigenen Inszenierungen – angefangen von "Hermannsschlacht" bis zuletzt "Nebenan" – nicht wirklich an seine Glanzzeit unter Klaus Bachler anknüpfen, als er mit Grillparzer-Neudeutungen und selten gespielten Stücken wie "Weibsteufel" für Furore sorgte. Die Gesamtauslastung in Burg- wie Akademietheater lag Ende Oktober bei 60 Prozent, im Vergleich dazu vermeldete die Josefstadt für denselben Monat 79 Prozent.

Gerüchteweise war zu vernehmen, dass es um das Arbeitsklima am Burgtheater nicht unbedingt zum Besten steht. Vor einigen Wochen berichtete das Nachrichtenmagazin "profil" von einem "chaotischen und autoritären Führungsstil", es herrsche eine "Atmosphäre der Angst".

Kušej dementiert das als Aussagen "missgünstiger Menschen", die "mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben". Auffallend ist jedoch, dass die Fluktuation vergleichsweise hoch ist. Auch ein hausinterner Aufruf an die Belegschaft, der medial "falschen Darstellung" öffentlich entgegenzutreten, blieb ohne Reaktion.
Zeitgleich mit Kušejs Rückzugsmeldung traf das Aviso aus dem Bundeskanzleramt ein.

Am Mittwoch, 21. Dezember, um 11 Uhr, präsentieren Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer und Bundestheater Holding-Chef Christian Kircher die neue Leitung. Letzten Meldungen zufolge gibt es einen Dreier-Vorschlag. Neben Kušej, der sich nun selbst von der Liste strich, soll gerüchteweise auch Maria Happel aufgeführt sein. Die Burg-Schauspielerin leitet bereits das Max-Reinhard-Seminar sowie die Festspiele Reichenau. Nun auch noch das Burgtheater? - Nicht sehr wahrscheinlich.

Kolportierte Kandidaten

Als aussichtsreichere Kandidaten für den begehrten Theaterposten wurden Andreas Beck, Barbara Frey und Anna Bergmann kolportiert.

Beck war am Burgtheater Dramaturg, leitete später das Wiener Schauspielhaus, von dort wechselte er nach Basel, derzeit führt er das Münchner Residenztheater. Was für Beck spricht: Er ist überall mit durchschlagendem Erfolg zugange, nur wurde sein Vertrag in München soeben bis 2028/29 verlängert.

Die Schweizer Regisseurin Barbara Frey wäre wohl auch eine gute Wahl, sie inszeniert seit Jahren regelmäßig an beiden Häusern und leitet derzeit die Ruhrtriennale.

Anna Bergmann, 44, derzeit Intendantin in Karlsruhe, wäre eine Überraschungskandidatin. Bergmann inszenierte zuletzt in Wien an der Josefstadt ("Rechnitz Der Würgeengel").

Viel spricht dafür, dass dieses Mal eine Frau zum Zug kommt. Es wäre das erste Mal, seit Karin Bergmann 2014 nach dem Finanzskandal als interimistische Intendantin eingesprungen ist.