Die vergangenen Jahre waren am Burgtheater durchaus turbulent. Auf einen Finanzskandal mit Entlassungen und Rechtsstreitigkeiten folgte die erste Direktorin des Hauses, eine Pandemie brachte Theaterschließungen, Dauertestungen Zugangsbeschränkungen und Zuschauerschwund. Ein Rückblick - von der Bestellung Matthias Hartmanns bis zum Ende der Direktion Kušej.

13. Juni 2006: Der damals 43-jährige Matthias Hartmann wird von Kunststaatssekretär Franz Morak (ÖVP) als Nachfolger von Burgtheater-Direktor Klaus Bachler ab der Saison 2009/10 präsentiert.

22. April 2009: Bei seiner ersten Spielplanpressekonferenz in Wien erzählt Hartmann, in Zürich habe man ihn zuletzt vorwiegend nach Auslastungs- und Budgetzahlen gefragt, was ihm "zum Hals raushängt". Die Beantwortung nach der finanziellen Lage des Hauses überlässt der neue Burgtheater-Direktor daher der kaufmännischen Geschäftsführerin: Silvia Stantejsky zeigt sich "überzeugt, dass wir einen Weg finden werden".

Kunststaatssekretär Franz Morak berief Matthias Hartmann als Direktor an das Burgtheater. 
- © APA

Kunststaatssekretär Franz Morak berief Matthias Hartmann als Direktor an das Burgtheater.

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14. März 2013: Bei der Bekanntgabe des Geschäftsberichts 2011/12 sagt Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer: "Der Tank ist leer. Wir fahren auf Reserve, und noch ist keine Tankstelle in Sicht." Ein ausgeglichenes Bilanzergebnis ist im Burgtheater aufgrund verkürzter Abschreibungsmodalitäten für Produktionen jedoch nur durch eine Herabsetzung des Stammkapitals um 3,6 Mio. Euro möglich.

9. April 2013: "Wir haben in den letzten 13 Jahren über 30 Prozent des Budgets eingespart", sagt Burgtheater-Direktor Hartmann im APA-Interview: "Wenn wir jetzt so weitermachen würden mit diesem langsamen Erstickungstod, der uns vonseiten der Politik auferlegt wird, würde das Theater entweder Spielstätten schließen, das Programm runterfahren oder in erheblicher Anzahl Schauspieler entlassen müssen."

21. Mai 2013: Thomas Königstorfer, bisher kaufmännischer Geschäftsführer der Musiktheater Linz GmbH, wird zum neuen kaufmännischer Direktor am Burgtheater ab 1. September bestellt.

11. November 2013: Im Zuge einer Gebarungsprüfung der von Stantejsky als kaufmännische Geschäftsführerin verantworteten Geschäftsjahre treten Ungereimtheiten auf, die nicht geklärt werden können. Stantejsky wird suspendiert.

Silvia Stantejsky war als kaufmännische Geschäftsführerin überzeugt, das Haus aus der Finanzkrise führen zu können. Sie scheiterte und musste sich einem Gerichtsverfahren stellen. 
- © apa / Hans Punz

Silvia Stantejsky war als kaufmännische Geschäftsführerin überzeugt, das Haus aus der Finanzkrise führen zu können. Sie scheiterte und musste sich einem Gerichtsverfahren stellen.

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18. November 2013: Aufgrund des "Unverzüglichkeitsprinzips" wird Stantejsky fristlos entlassen.

10. Februar 2014: Der forensische Zwischenbericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG sieht "deutliche Indizien für gefälschte Belege und die Vorspiegelung falscher Tatsachen" durch Stantejsky. Laut Aufsichtsrat des Burgtheaters sei daher für das Jahr 2012/13 mit einem Bilanzverlust von "voraussichtlich" 8,3 Millionen Euro zu rechnen. Dazu könnten 5 Millionen Euro Steuernachzahlungen kommen.

27. Februar 2014: Der Endbericht von KPMG wird von Holding-Chef Springer in einer Pressekonferenz zusammengefasst vorgelegt und belastet Stantejsky schwer. Der Verdacht auf Urkunden-, Beweismittel- und Bilanzfälschung, Geldwäsche und Untreue hat sich demnach erhärtet, die Staatsanwaltschaft wird eingeschaltet. Springer räumt eine Mitverantwortung für die Krise ein, Hartmann weist jede Verantwortung von sich. Stantejsky wehrt sich gegen die Vorwürfe und sieht sich als "Sündenbock".

11. März 2014: Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) zieht die Konsequenzen und entlässt Direktor Hartmann, der daraufhin rechtliche Schritte ankündigt. Springer legt alle Aufsichtsratsfunktionen zurück, bleibt aber Geschäftsführer der Bundestheater-Holding. Holding-Prokurist Othmar Stoss folgt Springer in den Aufsichtsräten nach.

Hartmann musste gehen, Karin Bergmann folgte ihm nach und war die erste Frau an der Spitze des Burgtheaters. 
- © apa / Erwin Scheriau

Hartmann musste gehen, Karin Bergmann folgte ihm nach und war die erste Frau an der Spitze des Burgtheaters.

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19. März 2014: Karin Bergmann wird zur Interimschefin des Burgtheaters bestellt. Sie steht als erste Frau an der Spitze des Theaters. Die 60-Jährige, die unter Claus Peymann nach Wien gekommen und mit Unterbrechungen beinahe zwei Jahrzehnte am Haus tätig war, bevor sie 2010 als Co-Direktorin Hartmanns in Pension ging, übernimmt zunächst bis 31. August 2016.

9. April 2014: Die künstlerische Geschäftsführung des Burgtheaters wird neu ausgeschrieben. "Spätestens zum 1. September 2016" soll der Posten neu besetzt werden.

25. April 2014: Auf einer Pressekonferenz geben Bergmann und Königstorfer bekannt, dass eine Patronatserklärung der Holding und der Verkauf der Probebühne an die Holding-Tochter Art for Art das Burgtheater vor der Insolvenz bewahrt hätten. Das Burgtheater hat 2012/13 einen Bilanzverlust von 19,64 Mio. Euro geschrieben. Neben 8,6 Millionen Euro, mit denen hauptsächlich das geforderte neue Abschreibungssystem als Minus zu Buche schlägt, gibt es noch 11 Millionen an Risikorückstellungen.

17. Juni 2014: Das Budget des Burgtheaters für 2014/15 wird vom Aufsichtsrat genehmigt. "Damit ist die Zukunft des Burgtheaters endlich gesichert", sagt Aufsichtsratsvorsitzender Christian Strasser nach der "erfreulichen und positiven Aufsichtsratssitzung" zur APA: "Die Krise ist vorbei!" Dank Einsparungen in der Höhe von 4,2 Millionen Euro konnte ein ausgeglichenes Budget vorgelegt werden.

14. Oktober 2014: Die bisher interimistische Burgtheater-Direktorin Bergmann wird als künftige Burgtheaterdirektorin vorgestellt. Ihre erste reguläre Amtszeit beginnt mit der Saison 2016/17.

September 2015: Die von Ex-Burgdirektor Hartmann und der ehemaligen kaufmännischen Geschäftsführerin Stantejsky angestrengten arbeitsgerichtlichen Verfahren gegen ihre Kündigungen werden ruhend gestellt. Die Ermittlungen der Korruptionsstaatsanwaltschaft laufen weiter.

12. Februar 2016: Das Burgtheater gibt für das Geschäftsjahr 2014/15 einen Jahresüberschuss in der Höhe von 1,2 Millionen Euro an, mit dem der Bilanzverlust auf 12,1 Millionen Euro reduziert werden konnte. Für das Theater "eine deutliche Beruhigung der wirtschaftlichen Situation".

24. Mai 2016: Der Rechnungshofbericht zum Burgtheater wird dem Nationalrat vorgelegt. Der Bericht kritisiert die Ära der Geschäftsführung Hartmann/Stantejsky scharf.

30. Juni 2017: Martin Kušej wird von Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) als neuer Burgtheater-Direktor ab 2019 bekanntgegeben. Thomas Königstorfer wird gleichzeitig als kaufmännischer Geschäftsführer verlängert.

1. Dezember 2017: Im seit mehr als dreieinhalb Jahren laufenden Ermittlungsverfahren der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwalt (WKStA) gegen Hartmann wird eine teilweise Verfahrenseinstellung bekannt.

5. November 2018: Gegen Hartmann werden auch die letzten Ermittlungen wegen möglichen Abgabenhinterziehungen eingestellt. Vier Tage später schließt Hartman einen Vergleich mit dem Burgtheater. Durch die außergerichtliche Einigung werden die laufenden zivilrechtlichen Verfahren eingestellt. Die im März 2014 ausgesprochene fristlose Entlassung wird dadurch in eine einvernehmliche Beendigung umgewandelt. Über den weiteren Vergleichsinhalt wird Stillschweigen vereinbart.

18. Dezember 2018: Robert Beutler, bisher stellvertretender kaufmännischer Geschäftsführer im Burgtheater, wird ab 15. Jänner 2019 kaufmännischer Geschäftsführer des Hauses. Er folgt auf Thomas Königstorfer, der an das Landestheater Linz wechselt.

6. Juni 2019: Martin Kušej präsentiert in einer Pressekonferenz sein Ensemble, seine Pläne und seinen "richtig fetten Spielplan, extrem auf Wien zugeschnitten, fürs Burgtheater gedacht und gemacht". Seine Vorhaben für die kommenden Jahre stünden auf drei Säulen: Vielsprachigkeit, eine Auseinandersetzung mit dem "Publikum der Zukunft" und der digitalen Gesellschaft. Über sich selbst sagt er: "Ich arbeite daran, dass sich das Bild des Revolutionärs ein bisschen legt. Ich habe gelernt, dass sich die Revolution gegen einen selber wenden oder im Sand verlaufen kann. Mit Revolution kann ich gerade nichts anfangen. Ich will das Theater sehr sachlich und klug leiten."

Der damalige Kulturminister Thomas Drozda bestellte Martin Kušej zum Burgtheater-Direktor ab 2019. 
- © apa / Georg Hochmuth

Der damalige Kulturminister Thomas Drozda bestellte Martin Kušej zum Burgtheater-Direktor ab 2019.

- © apa / Georg Hochmuth

12. September 2019: Mit Ulrich Rasches Inszenierung der "Bakchen" des Euripides beginnt die Ära von Burgtheater-Direktor Martin Kušej.

27. Jänner 2020: Die ehemalige Geschäftsführerin des Burgtheaters, Silvia Stantejsky, wird am Wiener Landesgericht wegen Untreue und Veruntreuung zu einer zweijährigen bedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Zudem wird der 64-Jährigen Schadensgutmachung gerichtlich aufgetragen.

10. März 2020: Als Teil eines ersten Anti-Covid-19-Maßnahmenpakets werden von der Regierung Veranstaltungen in geschlossenen Räumen mit über 100 Gästen untersagt. Wie alle größeren Theater sagt auch das Burgtheater noch am selben Abend alle Vorstellungen ab.

Das Burgtheater in der Corona-Krise: Geschlossen. Es gab nur wenige Initiativen, das das Publikum dennoch ans Haus zu binden. 
- © apa / Herbert Neubauer

Das Burgtheater in der Corona-Krise: Geschlossen. Es gab nur wenige Initiativen, das das Publikum dennoch ans Haus zu binden.

- © apa / Herbert Neubauer

11. September 2020: Im Burgtheater gibt es mit Kušejs Inszenierung von Calderons "Das Leben ein Traum" die erste Premiere nach dem Lockdown. Nicht nur die Aufführung ist düster, auch die Aussichten: Nur 691 Besucherinnen und Besucher sind dank eines "dynamischen Saalplans" unter den herrschenden Corona-Restriktionen in das Haus mit 1.175 Sitzplätzen gekommen, weitere Einschränkungen wie Maskenpflicht auch auf den Plätzen sind bereits angekündigt. Die Stimmung schwankt zwischen verzweifelt und fatalistisch.

2. November 2020: Am letzten Tag vor dem nächsten Lockdown wird in der Wiener Innenstadt ein Terroranschlag verübt. Aus Sicherheitsgründen müssen die Besucher von Veranstaltungen darauf warten, bis sie unter Polizeischutz ihren Heimweg antreten können. Kušej ist im Burgtheater anwesend. "Das war ein sehr eindrücklicher Moment in meiner Karriere als Theatermacher, weil ich mit einer massiven Bedrohung vor Ort konfrontiert war und diese Situation managen musste. Da hat sich mir tief eingeprägt", wird er später sagen.

17. April 2021: In der "Modellregion Vorarlberg" darf unter bestimmten Auflagen früher Theater gezeigt werden als im Rest Österreichs. Das hat zur Folge, dass das Burgtheater-Ensemble erstmals seit langem wieder mit einer großen Produktion in einem Bundesland zu Gast ist. Im Festspielhaus Bregenz wird an zwei Tagen eine Vorpremiere zu Shakespeares "Richard II." gezeigt. Das Stück hätte bereits im November 2020 in Wien aufgeführt werden sollen. Die Premiere in Wien folgt erst am 9. September 2021.

19. Mai 2021: Der Spielbetrieb kann wieder aufgenommen werden. Das Burgtheater bleibt jedoch wegen Sanierung des Zuschauerraums geschlossen.

5. September 2021: Nach 307 Tagen und somit der längsten Schließzeit seiner Geschichte wird das Burgtheater mit einer Feierstunde und einer Festrede der Autorin Nava Ebrahimi wieder eröffnet.

22. November 2021: Der vierte österreichweite Lockdown tritt in Kraft.

13. Dezember 2021: Das Burgtheater nimmt unter 2G-Bedingungen den Spielbetrieb wieder auf.

6. Oktober 2022: Nach der gesetzlichen Neuausschreibung der Burgtheater-Direktion ab 2024 wird Kritik am Führungsstil des Direktors, seinem Umgang mit der Pandemie und angeblich mangelnder Präsenz am Haus geäußert. Kušej weist dies entrüstet zurück und erklärt im APA-Interview: "Ich möchte die Zukunft des Burgtheaters weiter führend gestalten und die begonnenen Prozesse weitertreiben - Stichworte Nachhaltigkeit, Vernetzung, Internationalisierung." Für weniger als fünf weitere Jahre stehe er allerdings nicht zur Verfügung.

17. Oktober 2022: Die Bewerbungsfrist für den Posten der Burgtheater-Intendanz ab 1. September 2024 läuft aus. 15 Bewerbungen sind eingegangen.

20. Dezember 2022: Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) lädt für den nächsten Tag zur Entscheidung über die künftige Burgtheater-Direktion ab der Saison 2024/25 ein. Martin Kušej weiß, dass seine Tage gezählt sind und gibt den Rückzug seiner Bewerbung bekannt. Mit September 2024 wird eine neue künstlerische Leitung die Geschicke des Hauses lenken. (apa/har/maf/cig/whl)