"Woran erkennt man eine Kulturnation?", fragt Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer scherzend am Beginn der Pressekonferenz. "Am Interesse für die Bestellung des Burgtheater-Direktors." Seit Wochen wird darüber spekuliert, ob der amtierende Intendant Martin Kušej verlängert wird oder nicht. Überstürzt zog der Kärntner Theatermacher seine Bewerbung zurück, sprach von "Vertrauensverlust". Nun steht fest: Ab der Spielzeit 2024/2025 wird Stefan Bachmann die Geschicke des Burgtheaters lenken. In der jüngeren Geschichte des Hauses ist der 56-Jährige der erste Schweizer, der dieses Amt für vorerst fünf Jahre ausüben wird.

Die Findungskommission, bestehend aus Holding-Chef Christian Kircher, Kurt Reissnegger (Ö1), Iris Laufenberg (Schauspielhaus Graz), Theresia Niedermüller seitens des Bundes und Burg-Schauspieler Philipp Hauß, habe "wirklich tolle Arbeit geleistet", so Mayer. Anders als medial kolportiert, gab es keinen Dreiervorschlag, sondern nur zwei "uneingeschränkte Empfehlungen". Eine Verlängerung von Kušej stand da gar nicht mehr zur Debatte.
Laut Holding-Chef Christian Kircher habe es von Beginn an "keine Vorgaben gegeben, wer es werden soll oder wer nicht". Es gab 15 Bewerbungen von 18 Personen, darunter sechs Frauen und 12 Männer, fünf davon aus Österreich. Am 28. November wurden sechs Hearings abgehalten; Stefan Bachmann konnte "überragend überzeugen", so Mayer. "Bachmann hat ein besonderes Gespür für die gegenwärtigen Probleme der Theaterwelt an den Tag gelegt", begründet Mayer ihre Entscheidung. "In dieser Phase der Unsicherheit ist er der richtige Mann."

"Es gibt kein Zögern"

"Wenn es um das Burgtheater geht, gibt es kein Zögern", sagte Bachmann, der übrigens von einer Personalagentur eingeladen wurde, sich zu bewerben. Bachmann inszenierte in den 1990er Jahren am Wiener Schauspielhaus unter Hans Gratzer ("Skizzenbuch") und war in der Ära Klaus Bachler wiederholt am Burgtheater tätig. Für seine Wiener Arbeiten "Verbrennungen" (2008) und Jelineks "Winterreise" wurde er mit dem Nestroy ausgezeichnet, zuletzt wurde seine Basler-Inszenierung von Max Frischs "Graf Öderland" zum Theatertreffen eingeladen.

Seit 2013 leitet Bachmann das Schauspiel Köln, sein Vertrag würde bis 2026 laufen und wird für Wien vorzeitig im Sommer 2024 aufgelöst. Bachmann manövrierte die Kölner Bühne geschickt durch turbulente Zeiten: In den vergangenen zehn Jahren wurde das Haupthaus konstant umgebaut und er musste ein Ausweichquartier suchen, das in einem ehemaligen Industrieareal am Stadtrand gefunden wurde. Mittlerweile ist das ein lebendiger Kulturort geworden, der auch nach dem Umzug erhalten bleiben soll.

Bachmann konnte die Bühne innerhalb von Nordrhein-Westfalen künstlerisch gut verortet, jedoch vermochte das Haus keine überregionale Strahlkraft zu entwickeln, was vom Burgtheater freilich erwartet wird. Bachmann spricht sich in seinem Konzept für eine "radikale Öffnung" aus und steht demnach für eine Neupositionierung des Burgtheaters, um breitere Publikumsschichten anzusprechen. Bachmann: "Das Burgtheater gehört allen."

Über Pläne und Vorhaben sowie über mögliche Veränderungen im Ensemble äußerte sich Bachmann noch nicht. Die Losung lautet: "Erneuerung und Tradition sind kein Widerspruch." Mit nur 18 Monaten ist die Vorbereitungszeit extrem knapp bemessen, "sportlich, aber machbar", so Bachmann.
Auf die Frage, warum Martin Kušej nicht verlängert wurde, antwortete Mayer: "Er konnte seinen Startvorteil nicht nutzen." Auch ließ die Kulturpolitikerin durchblicken, dass es an der "Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstreflexion" mangeln könnte. Vermutlich ist Kušej tatsächlich das Arbeitsklima zum Verhängnis geworden.
Aber auch Stefan Bachmann war 2018 in eine Mobbing-Affäre verwickelt. Bachmann und seine Frau, die Schauspielerin Melanie Kretschmann, sollen am Kölner Schauspiel ein "toxisches Klima der Angst" verbreitet haben, es kam auch hier zu einer hohen Fluktuation. "Es war schmerzhaft, aber ich habe daraus gelernt", so Bachmann bei der Pressekonferenz und verwies darauf, dass er Mediationen und Coaching-Seminare absolviert habe. Hoffentlich nicht vergebens.

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