Der britische Dramatiker Robert Icke nimmt bei seinem jüngsten Bühnentext "Die Ärztin" an Schnitzlers "Professor Bernhardi" Maß. Der Wiener Dichter brachte anno 1912 den grassierenden Antisemitismus auf die Bühne und traf damit offenbar so punktgenau den Nerv der Zeit, dass das Stück in Wien erst nach dem Ende der Habsburger-Monarchie gezeigt werden durfte.

Icke aktualisiert und erweitert in "Die Ärztin" die Kontroverse zwischen Medizin und Religion, um derzeit virulente Identitätsdiskurse. Gläubige werden gegen Atheisten in Stellung gebracht, Frauen gegen Männer; Rassismus und Sexismus stehen auf der Tagesordnung.

Aus dem jüdischen Professor Bernhardi wird Dr. Ruth Wolff, eine jüdische Lesbe und Koryphäe in der Demenzforschung. Der katholische Priester, dem der Zugang zu dem an den Folgen einer illegalen Abtreibung sterbenden Teenager verwehrt wird, ist bei Icke eine Person of Colour. Der darauffolgende Streit wird in den sozialen Medien und in Fernseh-Talkshows geführt. "Die Ärztin ist eine Operation am offenen Herzen unserer Gesellschaft", schrieb die "Times" über die Londoner Uraufführung 2019.

Clash der Kulturen

Nachvollziehbar, dass das pointierte Debattenstück auch im deutschsprachigen Raum vielfach nachgespielt wird. Im Jänner dieses Jahres kam "Die Ärztin" im Burgtheater heraus, nun feierte das Stück im Grazer Schauspielhaus Premiere. Doch da wie dort ist die Inszenierung nicht rundweg geglückt.

Das liegt zunächst am Clash der Theaterkulturen: Im angloamerikanischen Theater dominiert das Wellmade-Play, in Verbindung mit realistischer Ausstattung, psychologischem Spiel und präzisem Timing entsteht ein Bühnenerlebnis, das kaum etwas mit dem deutschsprachigen Regietheater zu tun hat.

Sowohl in Wien als auch in Graz war man sich dieser Problematik bewusst: Am Burgtheater inszenierte der Autor höchstpersönlich und in der Steiermark kam Anne Mulleners zum Zug, die Belgierin wurde in London zur Regisseurin ausgebildet.

Dass trotzdem beide Inszenierungen nicht wirklich zu einem stimmigen Tonfall und vor allem einen passenden Rhythmus finden, hat wiederum viel mit den Ensembles zu tun: Der Coup des Stücks liegt nämlich in einem Vexierspiel mit Blind Casting: Der farbige Priester wird laut Regieanweisung von einem hellhäutigen Darsteller gespielt, in Graz verkörpert Mathias Lodd mit Blondhaarperücke den Geistlichen, während der dunkelhäutige Ramsés Alfa den hellhäutigen Robert Cyprian spielt, Henriette Blumenau tritt als Ruth Wolff Widersacher Tom Hartmann auf den Plan und Lukas Walcher spielt die PR-Frau Rebecca, Daria von Lewenich die Transgender-Figur Sami. Race and Gender - alles nur Schall und Rauch?

Das interkulturelle Zusammenspiel gehört auf den Londoner Bühnen längst zum Theateralltag, hierzulande gibt es derzeit kaum diverse Ensembles, das ist bestenfalls Wunschdenken.

Was bedeutet das nun für "Die Ärztin"? Das zwölfköpfige Ensemble agiert nicht auf Augenhöhe, das Zusammenspiel funktioniert nicht geschmeidig und der Protagonistin Ruth Wolff (Sarah Sophie Meyer) fehlen adäquate Bühnenpartner. Das ist bei einem Wellmade-Play besonders fatal, denn ohne punktgenaues Miteinander klingt der Text mitunter hohl, was gerade bei der Identitäts-Debatte nicht weiterhilft.