Ein Hauch von Pygmalion: Der Friseur-Lehrling Rodney steckt aus Jux und Tollerei einer antiken Venus-Figur seinen Verlobungsring an den Finger, worauf diese prompt heißes Blut in die Adern kriegt. Dass Venus, die es im Mythos eher mit testosteronschwangeren Helden zu tun hatte, ihre ganze Liebe jetzt auf ihren Erwecker, einen z’niachtigen Burschen richtet, ist eine Pikanterie in Kurt Weills Broadway-Musical "Ein Hauch von Venus", das jetzt in der Grazer Oper seine Österreichische Erstaufführung erlebt.

Weil dieser Glückliche nicht sogleich aufspringt auf die Avancen der Göttin, findet sich diese erst im falschen Film. Sie fühlt sich "fremd in dieser Welt" - einer der Schlager des Stücks. Die Liebe zwischen den beiden kommt dann doch in die Gänge. Aber wenn der arglose Bursche seiner Geliebten vorschwärmt, wie das sein wird nach zehn Jahren Ehe im kleinbürgerlichen Milieu, bekommt die Göttin kalte Füße. Dann doch besser Statue im Museum als American Housewife.

Kurt Weill (1900-1950) im Exil: Das ist ein ganz anderer als jener der "Dreigroschenoper" oder vom "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Nun hatte er den Broadway-Sound im Ohr. Aber mit dem Jazzbesen hat er sein musikalisches Gedächtnis nur halb ausgefegt, da war auch noch die Erinnerung an die Berliner Luft, Luft, Luft und ihre seichten Revuen. "A touch of Venus", 1943 in New York uraufgeführt und mit 567 Aufführungen Weills größter Broadway-Erfolg, lebt musikalisch von dieser Spannung.

Markus Merkel kitzelt aus dem Grazer Philharmonischen Orchester viel idiomatischen Sound heraus, das ist das Grundkapital dieser Aufführung. Merkel hat die Sängerinnen und Sänger zu einer Broadway-würdigen Truppe geschweißt. Ein Sonder-Kompliment für solche kapellmeisterliche Umsicht! Sie alle haben ein Singen drauf fernab von operettigem oder opernhaftem Touch. Ein wohl artikulierter Sprech-Gesang, wo’s nottut; wo erforderlich, aber sehr wohl lyrische Kantilenen und ordentlich leuchtende Spitzentöne. Dionne Wudu ist als Erste zu nennen, eine Venus, die bei jedem Auftritt in einem neuen, extravaganten Kleid steckt. Christof Messner ist Rodney, der zur Göttin kommt wie die Jungfrau zum Kind: Aus dem verlegenen Burschen wird ein selbstbewusster junger Mann, eine liebenswürdige Charakterzeichnung. Die Textübersetzung ist im Detail ur-witzig, aber Feministinnen stehen mit Sicherheit die Haare zu Berge.

Das Museumsambiente, in das Magdalena Fuchsberger (Regie) und Monika Biegler (Bühnenbild) die Story in Graz stellen, ist sehr anregend. Man kann den Verschnitt aus Museum, Kunstvermittlungsanstalt und Volkshochschule für Bildhauern und Aktzeichnen auch als Postmoderne-Parodie lesen. Wer genau schaut (was in der optischen Überfülle nicht leicht fällt), findet ironische Bezüge zur Entstehungszeit des Werks genauso wie zur Gegenwart. Anregend-parodistisch die Choreografie: Da zitiert Alexander Novikov erfindungsreich Hausfrauen-Schürzchen herbei, GI-Charme und Berlinerisches oder New Yorker Revue-Gestus. All das kann man sehr mögen - oder auch gar nicht: "Ein Hauch von Venus" ist eben wie die Titelfigur ein wenig fremd in dieser Welt.