Am 4. November 1988 stand die Republik kopf, als Thomas Bernhards "Heldenplatz" am Burgtheater uraufgeführt wurde. Wochenlang hatte das Stück bereits im Vorfeld für Debatten und heftiges Poltern in den Medien und an den Stammtischen des Landes gesorgt; im Parlament wurde ernsthaft über ein Aufführungsverbot diskutiert, während am Premierentag eine Fuhre Mist vor dem Theater am Ring abgeladen wurde. Am Abend der Aufführung stand das Haus unter Polizeischutz. Der spätere Vizekanzler dieser Republik agitierte von der Empore herab.

Lang ist’s her, fast 35 Jahre. Das seinerzeitige Skandalstück ist längst Schullektüre, die damalige Empörungswelle wegen eines Theatertextes nicht mehr nachvollziehbar. Vor Bernhard war Arthur Schnitzler verlässlicher Garant für Turbulenzen auf dem Wiener Theaterparkett.

Schnitzlers "Professor Bernhardi", in dem der grassierende Antisemitismus der Donaumonarchie verhandelt wird, konnte erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Wien gezeigt werden. Der "Reigen" als freizügiges Räsonieren über außereheliche Affären geriet noch 1921 derart zum Skandalon, dass der Autor das Stück selbst zurückzog.

Theatergeschichte ist auch immer Skandalgeschichte. Für das Publikum des 21. Jahrhunderts ist der Furor von anno dazumal oft wenig mehr als eine Fußnote. Die wütenden Premieren-Buh-Rufer sind eine aussterbende Spezies. Ein Theaterabend bohrt sich tief in das Unbehagen einer Gesellschaft? Scheint inzwischen wie ein Märchen aus vergangenen Tagen.

In gewissem Sinne hat das Theater der Aufklärung seinen Zweck erfüllt: Die Gesellschaft ist liberaler und offener als noch vor wenigen Jahrzehnten. Das "Theater als moralische Instanz" hat im öffentlichen Leben zugleich an Bedeutung verloren.

Kampf um Akzeptanz
und Relevanz

Zwischen Kirche und Politik, Zeitungslektüre und Kaffeehausbesuch war dem Theater lange Zeit die Aufmerksamkeit des Bürgertums sicher. Es übte als Ort bürgerlicher Repräsentation und Selbstverständigung eine klar umrissene Funktion aus. Tempi passati. Das Theater kämpft, vergleichbar mit den traditionellen Medien, seit längerem mit Relevanzverlust und Akzeptanz.

Das hängt weniger damit zusammen, ob sich Inszenierungen allzu woke gebärden, wie manche Kritiker bemängeln. Der Grad an neu/altmodischem Inszenierungsstil scheint ebenfalls nicht ausschlaggebend. Die Ursachen für die Krise des Theaters sind weniger bei diesem selbst zu suchen, als vielmehr in dessen erweitertem Umfeld.

Globalisierung und Digitalisierung stellen die traditionellen Institutionen bürgerlicher Selbstverständigung radikal in Frage, die unbeirrte Verfügbarkeit von Zerstreuung und Information durch soziale Medien lassen stuckverzierte Guckkastenbühnen altbacken aussehen. Ebenfalls zu kurz gedacht: Pandemie, Krieg und Teuerung sind für den Zustand des Theaters keineswegs hauptverantwortlich.

Die Pandemie hat die ohnehin bestehenden Probleme nur sichtbarer gemacht: Selbst im traditionell theaterverrückten Wien fehlt das Publikum.

Eine Folge davon ist ein Stehsatz, der so gut wie jedes Mal fällt, sobald ein neues Leitungsteam eine Bühne übernimmt, die selbstredend "für neue Publikumsschichten zu öffnen" sei. Der designierte Burgtheater-Direktor Stefan Bachmann, der das Haus ab 2024 führen wird, stimmte bereits in diesen Chor ein; das Burgtheater solle unter seiner Ägide ein "Haus für alle sein". Das ist begrüßenswert. Aber auch Martin Kušej, Karin Bergmann und Matthias Hartmann, also das aktuelle und ehemaligen Leitungspersonal am Ring, versuchten sich bereits an Öffnung und Offenheit.

Hartmann rief die "Junge Burg" ins Leben, entwickelte Theaterspielclubs und Inszenierungen für ein junges Publikum; Karin Bergmann setzte mit der "Offenen Burg" eins drauf: So genannte "StadtRecherchen" führten bis nach Floridsdorf und in die Donaustadt. Kušej etablierte wiederum das "Burgtheaterstudio", das von Workshops bis zur Leseförderung viele Genres der Theaterpädagogik bediente.

Dies alles ist verdienstvoll, kann über die bestehenden strukturellen Probleme am Theater aber nicht hinwegtäuschen: Im 21. Jahrhundert lässt sich keine homogene Öffentlichkeit mehr ansprechen, die einem abstrakten Kunst-Ideal folgt und einem bürgerlichen Kunst-Kanon vertraut.

Die Gegenwart setzt sich aus fragmentierten Öffentlichkeiten mit individualisierten Lebensstilen zusammen, die einander nicht selten spannungsgeladen gegenüberstehen - die Differenzen wurden während der Pandemie augenfällig.

Erfolgskriterien neu überdenken

So gesehen hat sich die Geschäftsgrundlage für Kultureinrichtungen dramatisch verändert. Ihr Erfolg wird von der Kulturpolitik indes nach wie vor an rein wirtschaftlichen Kennzahlen gemessen: Auslastungszahlen, Eigendeckungsbeitrag, Förderquote pro Sitzplatz.

Natürlich ist ein gewisser Legitimitätsdruck nicht ganz von der Hand zu weisen: Theaterbetriebe beanspruchen einen Großteil der Kunst- und Kulturförderung, obwohl nur ein geringer Prozentsatz der Steuergeldzahler diese Bühnen besucht. Laissez-faire und Schlendrian sind in Zeiten knapper Budgets und massiver Teuerungen daher keineswegs angebracht.

Die Erfolgskriterien sollten dennoch überdacht und neu bewertet werden: Wenn der Anspruch, neue Publikumsschichten anzusprechen, tatsächlich so wichtig ist - weshalb bildet sich das dabei Erreichte nicht in eigenen Kennzahlen ab? Wenn Sitzplätze in einem Theater verwaisen - warum verschenkt man nicht in letzter Minute das Bühnenerlebnis an Menschen, die sich einen Besuch nicht leisten könnten? Wenn es um ein leistbares Kulturangebot für alle geht - was ist dagegen einzuwenden, einen Tag in der Woche zu etablieren, an dem Theaterkarten für alle nicht mehr als Kinokarten kosten? Wenn es um Reichweite außerhalb urbaner Zentren geht - wo bleibt das umfassende Streaming-Angebot? Schließlich: Wenn man ein diverses Publikum ansprechen will - wie ist es um die Diversität hinter den Bühnen bestellt?

Das Theater muss Antworten auf diese Fragen finden, um neue Wechselbeziehungen zwischen Publikum und Theater zu etablieren, antiquierte Arbeitsstrukturen abzustreifen und zu guter Letzt auch einen angemessenen Raum im Digitalen zu besetzen.

Da viele Bühnen vor ähnlichen Herausforderungen stehen, ist es umso rätselhafter, weshalb es nicht zu mehr Solidarität und Kooperation untereinander kommt. Gemeinsam ließen sich Bemühungen, um diversifizierte Zielgruppen - im Grunde: beinharte Basis- und Aufbauarbeit - doch wesentlich besser bündeln. Warum nicht auch Kosten und Know-how für digitale Angebote teilen? Aber scheinbar zählt das eigene Theater-Reich immer noch mehr als das große Ganze.

Handlungsbedarf also, wohin man blickt. Viele offene Fragen und eine klare Antwort: Das Theater wird die gegenwärtige Krise überwinden, um sich der nächsten und übernächsten zu stellen. Das macht es schließlich mit einigem Erfolg seit Jahrtausenden.