Es kommt selten vor, dass an der Wiener Staatsoper Laiensänger zu hören sind. Am Donnerstag waren es sogar vier - ihr Auftritt hatte jedoch nichts mit der Abendvorstellung zu tun. Die Sternsinger gaben im Foyer ein Konzert. Dass dieses überraschend lang dauerte, lag wohl nicht zuletzt daran, dass das Publikum den Knirpsen generös Geldscheine in die Schatulle schob.

Auf der Bühne war ein denkbar starker Kontrast zu den Weihnachtsgesängen aufgeboten: Richard Strauss’ "Elektra". Hier tötet die Ehefrau den Ehemann, der Sohn daraufhin die Mutter, worauf sich die Tochter dermaßen freut, dass sie gleich selbst das Zeitliche segnet. Strauss hat dieses altgriechische Gemetzel 1908 mit aller Kühnheit der Moderne gestaltet: Wühlende Rhythmen, schroffe Dissonanzen und harsche Akkordsprünge tun die nervenzerfetzende Wirkung eines Horror-Soundtracks. An der Staatsoper geht Dirigent Alexander Soddy mit dem Orchester in die Vollen: Er lässt dem manischen Vorwärtsdrang dieser Musik die Zügel schießen und schreckt nicht vor Lautstärken von archaischer Wucht zurück.

Erfreulicherweise gehen die Sängerstimmen dadurch nicht unter: Christof Fischesser erweist sich mit seinem dunklen, schneidigen Bass als Optimal-Orest, Simone Schneider verleiht der Chrysothemis in der alten Harry-Kupfer-Regie Herz und Inbrunst, Violeta Urmana kämpft hie und da mit ausgedünnten Spitzentönen, hortet in ihrer Brust aber ein passend verhangenes Timbre für die Klytämnestra (Aegisth: Thomas Ebenstein). Überragend Nina Stemme: Ihr Sopran, weiterhin ein Ausbund an Kraft und Charisma, durchdringt den Orchesterklang wie selbstverständlich, tönt textdeutlich und fesselt das Ohr trotz ein paar spröder Gipfeltöne verlässlich - am stärksten, wenn sie Melodiebögen wie titanische Kraftlinien gestaltet. Zuletzt Jubel für die gesamte Sängerschaft, mit Stemme als Applauskaiserin.(irr)