Eine Menschenmenge hat sich vor dem Stephansdom versammelt, das Publikum im Schatten des Doms winkt einem Festzug zu. Es fehlt nicht viel, und schon fährt die eigene Hand zum Mitwinken in die Höhe. Doch die Prozession mit dem Kardinal zieht bereits weiter, eine Frau in der Menge trägt ein bodenlanges Kleid, das Haar unter einer Haube versteckt, hoppla, da quert eine Ratte die Szene! Und was, bitte, befindet sich plötzlich hinter dem Stephansdom? Ein Friedhof mit windschiefen Holzkreuzen?

Willkommen bei VR-Tours Vienna, dem zweistündigen Rundgang durch die Wiener Innenstadt. In sechs Stationen werden dabei Orte angesteuert - vom Stephansdom über den Graben und den Heldenplatz bis zur Oper -, die jeweils als Ausgangspunkte dienen für einen Blick zurück in die Geschichte der Stadt. Wichtigstes Utensil für die Zeitreise: die VR-Brille samt Kopfhörer.

Kriege und Katastrophen

Wien-Stadtführung mit VR-Brille. - © VR Tours Vienna
Wien-Stadtführung mit VR-Brille. - © VR Tours Vienna

Figuren wie Umgebung sind täuschend echt gezeichnet, die Ästhetik erinnert an Computerspiele. Das Verblüffendste dabei ist freilich das 360-Grad-Erlebnis, das die VR-Technik ermöglicht, verstärkt durch den Effekt, dass man sich tatsächlich am Ort des Geschehens befindet. Nur eben Jahrhunderte später.

Die einzelnen Szenen an den jeweiligen Stationen dauern jeweils wenige Minuten und wurden in Zusammenarbeit mit Historikerinnen und Historikern entwickelt. VR-Tours Vienna ist ein privates Unternehmen mit Sitz in der Johannesgasse 26, die Führungen finden das ganze Jahr über statt und erreichen durch die historischen Blitzlichter auch viele Wienerinnen und Wiener.

Das Konzept von VR-Tours-Veranstalter Jakob Anyszka und Team: Historische Sequenzen mit klassischer Stadtführung zu vermählen, was zugleich zur Herausforderung für die Stadtführerinnen und Stadtführer wird. Tatsächlich ist der Spaziergang ein Schnelldurchlauf durch die Wiener Stadtgeschichte.

Die makabren Höhepunkte der Tour sind Kriege und Katastrophen. Als die Pest in Wien wütete, türmten sich am Graben Leichenberge, wo heute die Pestsäule steht. Schon eilen Bestatter mit den für die Zeit typischen Spitzmasken an einem vorbei. Torkelt da etwa der liebe Augustin durch die Szenerie? Der Bänkelsänger schlief der Legende nach seinen Rausch unter Pestleichen aus und erhob sich anderntags frisch und munter. Bei der Türkenbelagerung ist man ebenfalls via Brille live dabei. Ganze Häuserzeilen gehen in Flammen auf, die Bewohner ergreifen in höchster Not die Flucht. Drastisch ist die Nachbildung einer Straßenschlacht während des Zweiten Weltkriegs. Die Soldaten der Wehrmacht und der Roten Armee marschieren in Griffweite auf, während sie einander letzte Gefechte liefern.

Unendliche Möglichkeiten

Stadtführungen mit VR-Brillen sind ein Beispiel für das Spektrum an schier unendlichen Möglichkeiten, die mit den technischen Erneuerungen einhergeht. Es entstehen neuartige Unterhaltungs- und Bildungsformate: Die Didaktik in Schulklassen wie Kulturinstitutionen wird sich in den kommenden Jahren ziemlich verändern, ebenso wie unsere Vorstellung von Wissensvermittlung.

Bei aller Euphorie: Der nachhallende Eindruck, den VR-Brillen bei Userinnen und Usern hinterlässt, sollte im pädagogischen Bereich kritisch reflektiert werden. Die Bildsequenzen werden mitunter allzu leichthändig als historische Realität gedeutet - und nicht als das, was sie nun eben sind: Mittel und Medium, um Geschichte zu illustrieren, durchaus lebendiger als dröger Frontalunterricht, jedoch als mediale Aufbereitung der Realität in unterschiedlich hohem Grad der Fiktionalisierung. Hier schlummert ein neuer Auftrag für die Medienpädagogik.

Virtual Reality basiert auf Filmen, die mit speziellen Kameras gedreht oder via Computer im 360-Grad-Modus generiert wurden, derzeit allerdings ein noch ziemlich aufwendiges und kostspieliges Verfahren.

Andererseits: Während der coronabedingten Theaterschließungen erwies sich die VR-Brille als überaus theatertauglich. Das Schauspielhaus Graz "verfilmte" beispielsweise das Stück "Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360 Grad" des Norwegers Johan Harstad. Der virtuelle Grazer Theaterabend hob an, sobald der Controller in der Hand lag, das graue Brillenungetüm auf der Nasenwurzel platziert war. Klick. Enter, und schon befand man sich inmitten einer steppenähnlichen Landschaft. Los ging das dystopische Spiel! Virtual Reality vermittelt einen Eindruck von Live-Präsenz, man befindet sich gefühlt am selben Ort wie die Schauspielerinnen und Schauspieler. Die Brille ermöglicht freie Blickführung, die handelnden Akteure müssen sich Raum und Aufmerksamkeit ähnlich erarbeiten wie beim Spiel auf der Bühne.

Für Schulen gibt es beispielsweise die App "WDR AR 1933-1945", welche Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges wie Hologramme in Klassenzimmer beamt. Die Schülerinnen und Schüler erleben nicht nur die persönlichen Erzählungen, sondern können sich durch unterstützende Animationen auch in den Schutzkellern und Bombenruinen Kölns bewegen. Das VR-Projekt "Escape Velocity" (die "Wiener Zeitung" ist Medienpartner) thematisiert wiederum das Schicksal von vier Flüchtlingen.

Verbreiteter als VR und Hologramme ist derzeit noch die sogenannte Augmented Reality: computergenerierte Visualisierungen, die via Smartphone sowie Tablet aktiviert werden und etwa zweidimensionale Objekte erweitern. In vielen Museen gelangt diese Technologie bereits zum Einsatz.

Virtueller Ersatz

Ein weiteres Spielfeld sind Audio-Walks, die in Kombination mit Augmented Reality bei Gedenkstätten zum Einsatz kommen. Exemplarisches Beispiel dafür: der Audio-Weg in Gusen. Das ehemalige KZ-Areal in der Nähe von Mauthausen wurde geschleift und als Baugrund genutzt, heute steht dort eine Wohnsiedlung. Dabei war Gusen bei seiner Befreiung im Mai 1945 das größte Konzentrationslager auf österreichischem Boden. Der Audio-Weg "Das unsichtbare Lager", ein Projekt des Künstlers Christoph Mayer, führt auf 2,5 Kilometern teils durch die Wohnsiedlung und vermittelt Informationen zu den Konzentrationslagern Gusen I und II, greift den heiklen Umgang mit den NS-Hinterlassenschaften auf.

Die gegenwärtigen Experimente mit den neuen Technologien erinnern in ihrer Vielfältigkeit und ihrem experimentellen Charakter an frühe Formen des Films, als geschäftstüchtige Erfinder sich an der Aufzeichnung und Projektion bewegter Bilder versuchten, viele Erzählformen noch offen waren und einen Moment lang fast alles möglich schien. Wie in unserer Gegenwart, in der Kardinäle neben Frauen in langen Gewändern entlang von Dommauern wandeln.