Stell dir vor, es ist Repertoire-Abend, und alle Opernstars sind da: Ioan Holender hat für sein letztes Direktorenjahr eine illustre Wiederaufnahme der alten "Carmen"-Produktion geplant, unter anderem mit Anna Netrebko, Elina Garanča und Dirigent Mariss Jansons. Doch Künstlerpech: Eine Serie von Absagen reduzierte den Glamour damals beträchtlich.

13 Jahre später kann Nachfolgedirektor Bogdan Roščić einen ähnlichen Coup ohne Abstriche umsetzen: Er hat die Wiederaufnahme der dienstalten "Aida" (1984) mit Netrebko, Garanča und Jonas Kaufmann veredelt. Durchaus anzunehmen, dass diese "Aida" eine Stange Gagengeld gekostet hat. Aber der Ruhm eines Hauses lebt nicht zuletzt von seinem Besetzungsglamour - und diese Star-Ballung sucht weltweit ihresgleichen.

Goldstandard des dramatischen Operngesangs: Anna Netrebko als Aida. 
- © Pöhn / Staatsoper

Goldstandard des dramatischen Operngesangs: Anna Netrebko als Aida.

- © Pöhn / Staatsoper

Nicht so berühmt die Schauwerte der Inszenierung: Nicolas Joels "Aida" sieht so altvatrisch aus, als wäre sie mindestens halb so alt wie die echten Pyramiden; die Bühne protzt mit klotzigen Tempeln und irritierenden Kostümen. Wo steckt Elina Garanča im zweiten Akt? Unter einem funkelnden Textil, das dem Auge einen Altar vorgaukelt.

Hut ab freilich vor Garanča: Ihre Amneris ist nicht nur ein Klangereignis der purpurnen Säuseltöne, der lodernden Dramatik und vulkanischen Ausbrüche; sie beweist auch Spielfreude in einem diesbezüglich lahmen Umfeld. Jonas Kaufmann bestreitet etwa eine Art Kostümkonzert, glänzt dafür mit heldischen Wuchtnoten und seinem sinnlichen Süßholz-Piano. Und Netrebko? Nimmt es mit der Intonation nicht ganz genau, beschert dem Ohr aber mit ihrer Sopran-Grandezza, den spannungsprallen Kantilenen und kostbaren Pianissimi das Nonplusultra tragischen Operngesangs. Des Luxus nicht genug, brilliert Luca Salsi als kerniger Amonasro. Neben dem homogenen Chor steuern zudem Alexander Vinogradov (Ramfis) und Ilja Kazakov (als schillernder König auf der Sänfte anzusehen wie eine Art goldener Majestix) schneidige Töne bei. Sängerfreundlich das Dirigat von Nicola Luisotti, wenn auch mitunter medioker. An einem umjubelten Abend der Superlative war das freilich verschmerzbar.