Die Causa Teichtmeister löste am vergangenen Wochenende in der heimischen Film- und Theaterszene ein mittleres Erdbeben aus. Der Burgtheater-Star und TV-Publikumsliebling, der sich im Februar vor Gericht für den Besitz von mehr als 58.000 Dateien mit kinderpornografischen Inhalten rechtfertigen muss, konnte in der heimischen Bühnen- und Filmszene trotz der bereits im Herbst 2021 bestehenden Untersuchung seines Falles offenbar ungehindert weiterarbeiten, was zu scharfer Kritik bei Kollegen und Branchenvertretern führte. Kultur-Staatssekretärin Andrea Mayer ordnete eine genaue Untersuchung der Causa an, besonders in Hinblick auf die Informationsflüsse: Wer hat was gewusst, und wann?

Das Burgtheater muss sich die Frage stellen lassen, warum Teichtmeister noch bis vor kurzem - die Entlassung erfolgte am Freitag nach Bekanntwerden der Anklage - auf der Bühne stehen konnte. In zwei ausführlichen Stellungnahmen wurde die Chronologie der Abläufe aus Sicht des Theaters bereits erläutert: Das Burgtheater sei zwar im Herbst 2021 von Journalisten kontaktiert worden mit der Information, dass gegen einen Schauspieler ermittelt wurde. Es sei dann Kontakt mit Florian Teichtmeister aufgenommen worden, der aber die Vorwürfe vehement bestritten hatte. Das verunsicherte Ensemble wurde aufgerufen, Verdächtiges zu melden, mit Kindern durfte Teichtmeister nicht mehr arbeiten.

Ermittlungen nicht öffentlich

Jedoch: "Eine Erhärtung von Gerüchten, auch durch persönliche Wahrnehmungen Dritter, hätte sofort dazu geführt, von einer Besetzung Abstand zu nehmen und das Arbeitsverhältnis mit Florian Teichtmeister zu beenden. Das war zu keinem Zeitpunkt der Fall", so das Burgtheater. Katharina Körber-Risak, Spezialistin für Arbeitsrecht, findet, dass es sich das Burgtheater hier zu leicht macht. Auch wenn das Theater als Arbeitgeber von der Staatsanwaltschaft grundsätzlich keine Informationen darüber erhält, ob gegen einen Mitarbeiter ermittelt wird. "In dem Zeitungsartikel war von einer Hausdurchsuchung die Rede. Dadurch ist schon ein dringender Tatverdacht gegeben. Spätestens da hätte mindestens eine Suspendierung stattfinden müssen, wenn nicht gleich eine Entlassung."

Keine Unschuldsvermutung

Aber ist das nicht eine Einschätzung, die man jetzt, wo man weiß, dass die Anschuldigungen stimmen, leicht fällen kann? "Selbst wenn es nicht wahr gewesen wäre, wäre die Entscheidung die richtige gewesen. Es ist ein Missverständnis, dass man Geschäftsführungsentscheidungen in absoluter Sicherheit treffen kann. Es muss eine Interessensabwägung stattfinden. Entscheidet man sich für die Reputation des Hauses und die Fürsorgepflicht gegenüber der Belegschaft oder will man ein vielleicht stattfindendes arbeitsrechtliches Verfahren vermeiden", erklärt Körber-Risak im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Eine Unschuldsvermutung gibt es im Strafrecht, aber nicht im Arbeitsrecht", präzisiert sie außerdem.

Die Produktionsverantwortlichen der ORF-Serie "Die Toten von Salzburg" hatten übrigens weniger Skrupel. In der letzten ausgestrahlten Folge, die bereits im Zeitraum der Ermittlungen gedreht worden war, ist der Kommissar, den Teichtmeister spielt, auf Kur - also bis auf ein paar Sekunden abwesend.

Besonders heikel ist die Causa in Zusammenhang mit dem Film "Corsage", in dem Teichtmeister Kaiser Franz Joseph spielt und der derzeit auf der Shortlist für die kommende Oscarverleihung steht. Regisseurin Marie Kreutzer und die Produzenten Johanna Scherz und Alexander Glehr kamen gemeinsam mit dem Fachverband der Filmschaffenden am Wochenende zu dem Schluss, den Film nicht von sich aus aus dem Oscar-Rennen zurückzuziehen. "Teichtmeister ist nicht ‚Corsage‘, und seine Person ist von der herausragenden künstlerischen Leistung der Regisseurin Marie Kreutzer und dem Film ‚Corsage‘ selbst klar zu trennen", sagte Fachverbandsobmann Alexander Dumreicher-Ivanceanu. Die Chancen auf eine Oscar-Nominierung oder gar eine Auszeichnung zerrinnen freilich, zumal nun auch große Branchenmedien wie "Hollywood Reporter" bereits großflächig über den Skandal berichten. Die Dreharbeiten zu "Corsage" fanden noch vor den Ermittlungen gegen Teichtmeister statt, waren im Sommer 2021 abgeschlossen. Seither stand Teichtmeister bei den Produzenten in keinem Dienstverhältnis mehr. "Trotzdem hätten wir uns erwartet, dass er uns spätestens mit dem Beginn polizeilicher Ermittlungen über die Vorwürfe gegen ihn informiert. Das Gegenteil war der Fall: Florian Teichtmeister hat nach dem Auftauchen erster Gerüchte nach dem Ende der Dreharbeiten im Herbst 2021 auf dezidierte Nachfrage - nicht nur für uns glaubhaft - versichert, dass die Gerüchte um seine Person falsch seien", so die Produzenten.

"Film beschmutzt"

Und auch Marie Kreutzer äußerte sich in der Causa: "Ich bin traurig und wütend, dass ein feministischer Film, an dem mehr als 300 Menschen aus ganz Europa jahrelang gearbeitet haben, durch die grauenvollen Handlungen einer Person so beschmutzt und beschädigt wird. Noch trauriger und wütender macht mich, in welchem Ausmaß Videos und Fotos von sexualisierter Gewalt gegen Kinder produziert, verbreitet und konsumiert werden. Wir können nicht in unsere Mitmenschen hineinschauen."

Nachdreh wäre nötig

In den sozialen Netzwerken machten viele ihrem Ärger Luft: Journalisten und Branchenkenner äußerten sich erleichtert, dass nun endlich der Name zu den bereits im Herbst 2021 von "Krone" und "Standard" berichteten Kinderporno-Ermittlungen publik wurde. Vielen gehen die Erklärungen von Burgtheater oder "Corsage"-Team allerdings nicht weit genug: Der Wiener Regisseur Sebastian Brauneis, der 2018 bei seinem Spielfilm "Zauberer" ebenfalls mit Teichtmeister zusammenarbeitete, ist überzeugt, dass die Gerüchte rund um Teichtmeister bereits früh weite Kreise gezogen haben mussten: "Ich bin schon früh zu ihm auf Distanz gegangen, klar gilt die Unschuldsvermutung, aber solche Vorwürfe müssen lückenlos aufgeklärt werden, ehe man weiter zusammenarbeiten kann. Es wussten viele Leute schon Bescheid, im Sommer 2021, denn da machten die Gerüchte die Runde", so Brauneis, der die Meinung vertritt, dass die Produktion von "Corsage", der im Herbst 2021 finalisiert wurde, entsprechend reagieren hätte müssen: "Solche drastischen Vorwürfe hätten dazu führen müssen, dass man die Rolle von Teichtmeister neu besetzt und einen Nachdreh unternimmt." Das sei zwar bei einer Produktion dieser Größenordnung schwierig, aber nicht unmachbar: Auch bei Ridley Scotts "Alles Geld der Welt" wurde Hauptdarsteller Kevin Spacey nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe gegen ihn herausgeschnitten und die Szenen wurden mit Christopher Plummer neu gedreht.

Für Brauneis bleibt nach den Erklärungen der "Corsage"-Produzenten ein schaler Beigeschmack, "gerade wegen der Stilisierung von ‚Corsage‘ zum feministischen Leuchtturm". "Wenn so etwas Drastisches auch nur in die Nähe einer solchen Produktion gelangt, sollten die Verantwortlichen ja umfassend tätig werden. So wie in dem Fall wirkt es ein wenig wie: ‚Das wird sich schon irgendwie verflüchtigen.‘"