Es dauert keine Minute, bis die moralischen Schmerzgrenzen im Publikum genüsslich überschritten werden. Niko Nagls politische Unkorrektheit gleitet derart hartnäckig unter der Gürtellinie entlang, dass es einem bisweilen vor Agonie den Schweiß aus den Poren, aber auch verlässlich die Lachtränen aus den Augen treibt.

Auch sonst wird in seinem Programm "Narrenfreiheit" ausgiebig den Körperflüssigkeiten gefrönt. Es wird in holländische Grachten gespieben, um den Heineken-Herstellungsprozess darzustellen, und gerade noch davon abgesehen, ins Publikum zu urinieren - wir seien ja schließlich nicht im Burgtheater.

Doch der Besudelung entkommt man freilich nicht: In einer Klaus-Kinski-Parodie wird handkesche Publikumsbeschimpfung betrieben, der Kabarettist brüllt ausgerechnet die Kritikerin mit "Du dumme Saaaauuu" an - und auch das Publikum brüllt vor Lachen. Zu Recht. Die Tirade gipfelt im finalen Inferno, wo Nagl als Höllenclown in Gestalt von Christoph Waltz der gefallenen Gesellschaft den Spiegel vorhält. Goebbels gibt dort Gender-Kurse (trotz der über 100 höllischen Geschlechter für den woken Hipster kein Problem), die Flüchtlingskrise wird zu einem amüsanten Fruchtgleichnis und KI-Roboter feiern Orgien im Weltall.

Bitterböse, dunkelschwarz, süffisant, provokant, stets mit Schelmen-Charme begleitet - Niko Nagls sadistisch-psychopathische Narrenfigur treibt der Gesellschaft wahrlich einen Sargnagel ins gute Gewissen. Nichts für woke Nerven.

Kabarett

Niko Nagl: Narrenfreiheit

Wh.: 2.3. Theater am Alsergrund, 14.3. Kulisse Wien