"Peru darf nicht Österreich werden!", warnt ein überdimensionales Wahlplakat in der Bühnenmitte. Zu spät, es ist schon geschehen: Jacques Offenbachs Operettenspaß "La Périchole", eigentlich in Peru angesiedelt, trägt bei der Premiere des Theaters an der Wien im Museumsquartier stark rot-weiß-rote Züge. Dafür sorgt nicht nur das erwähnte Plakat, eine Anspielung auf einen legendären FPÖ-Slogan aus dem Jahr 1996: An der rechten Bühnenseite prangt ein Würstelstand, in dem drei Frauen in Aida-pinken Kleidern Dienst tun; an der linken Seite hängt ein vertrautes blaues Straßenschild. Der Name darauf ist freilich erfunden: "Plaza de la Corruptión" steht darauf; wir befinden uns also im fiktiven Wien einer Bananenrepublik. Oder ist dieses korrupte Wien doch weniger fiktiv als gedacht?

Kiloweise Kurz-Kalauer

Offenbach, Komödienlieferant für die Neigungsgruppe Wein, Frauenbein, Gesang und höherer Unsinn im Frankreich der Belle Epoque, hat seine "Périchole" 1868 in die Welt gesetzt, die Handlung strotzt vor Frivolitäten und Spitzen gegen den Adel: Während Hektoliter von Gratis-Alkohol dafür sorgen, dass das Volk am Geburtstag des Vizekönigs von Peru jubelt, begibt sich dieser auf Freiersfüße und begegnet der Straßensängerin Périchole. Die ist aus Hunger rasch zu einem Tête-à-tête bereit. Das Problem ist nur, und hier wird’s pikant: Der Monarch muss diese Maitresse in spe verheiraten, um sie als Hausdame in seiner Nähe unterzubringen. Ein armer Schlucker für die Aufgabe ist rasch gefunden; der Operettenzufall will, dass es der echte Liebhaber Péricholes ist.

Regisseur Nikolaus Habjan interessiert sich aber weniger für den erotischen Funkenflug der Handlung als für ihre Sozialkritik. Der Korruptionssumpf in Offenbachs Königreich lässt ihn an Österreichs Skandalschlamm der Vorjahre denken; das Textbuch gerät ihm zum Wimmelbild der Polit-Anspielungen: Da liebt jemand seinen Vizekönig, da gibt’s ein Beinschab-Tool, sehnt sich ein Monarch nach einer Oligarchin, wird wiederholt "Thomas!" gerufen. Zugegeben: Am laufenden Band gereicht, ist dieses ÖVP/FPÖ-Bashing bald wenig überraschend. Im Rahmen der irrwitzigen Ausstattung (Bühne: Julius Theodor Semmelmann, Kostüme: Cedric Mpaka) und dank vitaler Schurken und Schergen (Alexander Strömer als Vizekönig, Boris Eder als zynischer Prätorianer, Gerhard Ernst als korrupte Saftgestalt) kann man in diesem Land der Behämmerten und Skrupellosen aber bis zur Pause gut lachen.

Doch je später der Abend, desto platter die Sprüche. Eine lebensgroße Puppe auf der Bühne – es sind untypisch wenige für den Puppenmacher Habjan im Spiel – trägt die Züge eines vergreisten Altkanzlers, eine Wagenladung "Kurz"-Kalauer wird über ihn gekippt: Pointen auf Klassenabendniveau. Zudem: Habjan sucht sein Heil zu sehr in der Political Correctness, um Offenbach den Herrenhumor auszutreiben. Das erhöht nicht nur die Vorhersagbarkeit, es gipfelt auch in einem fragwürdigen Couplettext: Staatssekretärin Andrea Mayer wird dafür getadelt, für das Burgtheater zwar eine weiblichen Leitung versprochen, doch nicht Wort gehalten zu haben – ein Versprechen, das de facto nicht existierte.

Aber gut. Wer sich von solchen Betulichkeiten nicht irritieren lässt (und sich an die starke Mikrofonierung im Raum gewöhnt), kann an diesen drei Stunden doch weitgehend seine Freude haben: Sie sind im Grunde so flott, fröhlich und bunt gearbeitet wie manche Operette der jüngeren Volksopernvergangenheit. Und für die Musiknummern sind zwei hübsche Stimmen aufgeboten: Anna Lucia Richter glänzt mit ihrem jugendfrischen Sopran, David Fischer besitzt einen Heißsporn-Tenor mit nasaler Note, das RSO Wien spielt Offenbachs heiteres Hum-Papa unter Dirigent Jordan de Souza anständig. In Summe: Operette einmal anders, nämlich im Programm des Theaters an der Wien und stark Wien-kritisch. Warum auch nicht? Nur: Etwas weniger plumpe Polit-Pointen wären kein Fehler gewesen.