Der Fall Teichtmeister um umfangreichen Besitz kinderpornografischer Darstellungen erregt weiter die Gemüter in der Film- und Theaterbranche. Die Frage, wer was und wann gewusst hat, zieht weite Kreise. Ein Statement, das von den Regisseuren David Schalko, Markus Schleinzer und Eva Spreitzhofer initiiert und vom Verband Filmregie mitunterzeichnet wurde, verurteilt Gewalt an und Missbrauch von Kindern scharf, formuliert aber auch: "Der Umgang mit Straftätern, die Teil bestehender Werke sind, ist dennoch ein schwieriger. Auch international gibt es bisher noch keine einheitliche Gangart dafür. Es ist eine Gratwanderung, die Opfer zu schützen, die Täter nicht zu schonen und dennoch die Arbeit vieler Unbeteiligter nicht in Kollektivhaftung zu nehmen." Die Filmemacher verwehren sich aber "gegen den diffamierenden Vorwurf, ‚alle hätten alles‘ gewusst".

Noch ein Täter?

Dennoch steht die Produktionsfirma von Marie Kreutzers Film "Corsage" unter dem Verdacht, nicht alles unternommen zu haben, um die Gerüchte um Teichtmeister aufzuklären. "Corsage" bleibt nach wie vor der Österreich-Kandidat für den Auslands-Oscar. Die Abstimmung über die Shortlist läuft bis 17. Jänner, verkündet werden die Nominierungen am 24. Jänner. In US-Medien wurde bereits über die Causa Teichtmeister berichtet, das könnte sich zu Ungunsten des Films rund um Kaiserin Sisi auswirken.

Auch der zweite Kinofilm, in dem Teichtmeister zuletzt mitwirkte, rückt zunehmend in de Fokus der Öffentlichkeit: In "Serviam - Ich will dienen" spielt Teichtmeister den Vater eines jungen Mädchens, das ein katholisches Internat besucht. Regisseurin Ruth Mader beantwortete eine Anfrage der "Wiener Zeitung" mit "kein Kommentar". Auskunftsfreudiger war der Produzent des Films Dieter Pochlatko, in der ZiB2: Teichtmeisters Mitwirkung sei nach einem Drehtag beendet gewesen. Denn am 1. Oktober 2021 wäre die Produktion von der Kriminalpolizei über die Vorwürfe informiert worden. "Wir haben sofort unseren Anwalt eingeschaltet", sagt Pochlatko, Teichtmeister wäre fortan nicht mehr auf Einladungslisten gestanden und von der Promotion des Films ausgeschlossen gewesen. Die Produzenten der ORF-Serie "Die Toten von Salzburg" hatten Teichtmeister wiederum eine Art Pause verordnet, bis die Vorwürfe offiziell entkräftet würden.

Rund um "Corsage" ziehen inzwischen weitere dunkle Wolken auf: Gerüchte machen die Runde, dass es auch einen zweiten Schauspieler im Cast gegeben hat, der vor allem wegen sexueller Übergriffe auffällig geworden ist. Laut einer Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien sei in Bezug auf diesen Fall kein Verfahren anhängig. "Heute Abend wird ein Täter auf der Bühne stehen und bejubelt werden. Und es gibt nichts, was wir dem entgegensetzen können", so die Regisseurin Katharina Mückstein am 18. Juni 2022, dem Tag der Wien-Premiere von "Corsage" auf ihrem Instagram-Profil. Gemeint war damit allerdings nicht Teichtmeister, wie Mückstein klarstellte: "Wenn ich und so viele andere über diese Männer Bescheid wussten, obwohl wir nicht mit ihnen gearbeitet haben, wie ist es möglich, dass die Arbeitgeber*innen nichts gewusst haben wollen?"

Auch das Burgtheater ist um Schadensbegrenzung bemüht. Teichtmeister war seit 2019 Ensemblemitglied und wurde am Freitag, den 13. sofort nach Bekanntwerden des Schuldeingeständnisses entlassen. Da Doppelbesetzungen im Schauspiel unüblich sind, bedeutete das auch, dass sämtliche Inszenierungen mit Teichtmeister gestrichen wurden. Der Verlust sei laut Holding "derzeit nicht bezifferbar".

Die Kritik richtet sich vor allem auf den bühneninternen Umgang mit dem sensiblen Sachverhalt. Man fragt sich heute, wie Burgtheater-Intendant Martin Kušej den Beteuerungen des Schauspielers so lange vertrauen konnte. Die letzte Premiere mit Florian Teichtmeister in der Hauptrolle, "Nebenan", feierte noch am 15. Oktober 2022 Premiere.

Im Herbst 2021 wurde Christian Kircher, Chef der Bundestheater Holding, telefonisch von Robert Beutler, dem kaufmänischen Geschäftsführer des Burgtheaters darüber informiert, dass es gerüchteweise Vorwürfe gegen einen Schauspieler des Burgtheaters gibt. Der Name Teichtmeister war da noch gar nicht bestätigt.

Nichts gewusst

In Aussendungen beteuert das Burgtheater, dass die Bühne innerhalb des rechtlichen Rahmens korrekt gehandelt habe. Die Arbeitsrechtlerin Elisabeth Körber-Risak sieht das anders. Um die Reputation des Hauses zu wahren, hätte man etwa nach der Hausdurchsuchung, die einen dringenden Tatverdacht bestätigt, eine Suspendierung veranlassen können.

Die Holding habe jedoch von einer Hausdurchsuchung gar nichts gewusst, heißt es auf Nachfrage und man verweist auf die Chronologie der Ereignisse und Dokumentation des Informationsflusses, die derzeit im Auftrag von Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer erhoben werden. Das Team arbeitet bereits im Burgtheater, "der Bericht wird schnellstmöglich bereit gestellt", heißt es aus der Holding.