Es ist tatsächlich ein Dilemma: Wie sollen Theater und Kulturinstitutionen nun mit den renommierten russischen Ensembles umgehen? Gerade, wo viele russische Tänzerinnen und Tänzer mit ihrem hohen Niveau an Ballettkunst die Weltbühnen begeistern können? Gerade, weil Russland die Heimat der großen romantischen Ballette ist, wie etwa "Schwanensee", der Inbegriff für diese Kunst? Gerade, weil Ballett ohne Tschaikowski oder Strawinski undenkbar ist? Spinnt man diesen Gedanken noch weiter, könnte man überhaupt die russische Balletttechnik und Unterrichtsmethode von Agrippina Vaganova (1879-1951) in den westlichen Ballettschulen in Frage stellen oder gar boykottieren. Nur: Das ist schlichtweg unmöglich und scheint auch überzogen, denn sie ist ein fixer Bestandteil der internationalen Ballettwelt. Heute ist oftmals vor allem bei den Profis eine Verflechtung mit etwa amerikanischem, französischem und italienischem Stil erkennbar. Denn das Repertoire ist vielseitig. Fest steht aber auch, dass genau dieser kräftige, Ausdauer stärkende und dennoch grazile Vaganova-Stil verbindet - zumindest die Tanzwelt.

Politisches Tanzjahr

2022 ist wohl eines der politischsten Jahre des Balletts geworden: Laurent Hilaire, Danseur Étoile der Pariser Oper, leitete seit 2016 das Ballett am Moskauer Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater und verließ rasant nach Kriegsbeginn Russland und auch sein renommiertes Amt. Der französischen Nachrichtenagentur AFP prophezeite er eine absolute Eiszeit für die gesamte Kultur, auch das Ballett, keine Koproduktionen mehr und den Rückzug aller modernen und zeitgenössischen Choreografien. So ist es auch gekommen: Star-Choreograf Alexei Ratmansky etwa meinte anlässlich seiner München-Premiere: "Ich möchte Tschaikowski nicht Putin überlassen." Einige andere Kulturinstitutionen mieden die Weihnachtsklassiker "Nussknacker" oder "Dornröschen" von Tschaikowski. Entscheidungen, die einmal mehr zeigen, wie unterschiedlich der Boykott Russlands ausgelegt wird.

Ratmansky, ehemaliger Direktor des Bolschoi-Balletts, verließ übrigens die Kompanie zu Kriegsbeginn, mit der er gerade seine geplante Premiere von Bachs "Kunst der Fuge" einstudierte. Auch eine mit dem Mariinski-Ballett geplante Premiere des Petipa-Reenactments "La Fille du Pharao" hat Ratmansky abgesagt. Der russische Choreograf stellt sich auch in den sozialen Medien gegen Putin; er hat Freunde und Familie in der Ukraine. Auch die prominentesten Zuwanderer der letzten Jahre haben die Koffer gepackt: Italiener wie der Bolschoi-Star Jacopo Tissi, Engländer wie Mariinski-Primoballerino Xander Parish, Nord- und Südamerikaner wie Victor Caixeta sind in den Westen zurückgekehrt. Vom Exodus russischer Tänzer ist allerdings wenig zu vernehmen. Bekannt wurde lediglich, dass die Primaballerina des Bolschoi, Startänzerin Olga Smirnowa, ihre Heimat verließ.

Der in der Ukraine geborene Sergej Polunin mit dem Tattoo von Putin und dem ukrainischen Dreizacksymbol. - © afp / getty images / Alexander Nemenov
Der in der Ukraine geborene Sergej Polunin mit dem Tattoo von Putin und dem ukrainischen Dreizacksymbol. - © afp / getty images / Alexander Nemenov

Hingegen gibt es auch Sympathiebekundungen für Putin, die kürzlich mit einer abgesagten Premiere endeten: "The bad boy" des Balletts, der ukrainische Startänzer Sergej Polunin, hat sich das Konterfei des russischen Präsidenten auf die Brust tätowieren lassen, auf der Hand trägt er den ukrainischen Dreizack seines Geburtslands. Man könnte diese Tattoos auch als Friedens-Message verstehen, wären da nicht seine Posts wie "Danke an Vladimir und jeden anderen, der für das Gute steht" in den sozialen Medien zu lesen. Auf dem Bauch hat er übrigens ein Kolovrat-Symbol, das auch im SS-Kontext nachgewiesen wurde - aber das ist eine andere Geschichte. Bisher wurden die Tattoos mit Bühnenschminke vertuscht. Nachdem es aber eine Kampagne in den sozialen Medien gab, setzte das Mailänder Arcimboldi-Theater eine Ballett-Aufführung kurzerhand ab. Ob dies das Ende seiner Karriere einläutete? Vermutlich nicht.

Fakt ist jedoch, dass die Gastspiele der russischen Ensembles wie dem Mariinski-Ballett vielerorts abgesagt wurden, während das neu gegründete United Ukrainian Ballet, ansässig in Den Haag, mit etwa "The Ukrainian Giselle", eine Version von Alexei Ratmansky, durch Europa tourt und rund 60 geflüchteten ukrainischen Solisten, Ensemble-Mitgliedern, Kreativen und Technikern vorerst eine künstlerische Heimat bietet.

Laurent Hilaire, nun Chef des Bayerischen Staatsballetts, prophezeite es bereits: Die Eiszeit in der Ballettwelt ist angebrochen. Eine Zeit, die Ratlosigkeit hinterlässt wie: Darf man Tschaikowski zeigen? Darf man nicht? Doch sollte man die Toten nicht eher unbehelligt lassen und die lebenden Putinisten boykottieren?