Der Termin ist kein Zufall: Genau am 27. Jänner, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, hat das neue teatro-Musical "Anne Frank" in der Stadtgalerie Mödling Premiere. Es ist also keine leichte Kost, die das im Jahr 1999 von Norberto Bertassi gegründete Theaterprojekt teatro, das sich vorwiegend an junges Publikum und Familien richtet, hier serviert.

Anne Frank im Jahr 1941. Sie wurde nur 15 Jahre alt. 
- © www.annefrank.org/nl/Anne-Frank/De-nazis-bezetten-Nederland/Naar-het-Joods-Lyceum

Anne Frank im Jahr 1941. Sie wurde nur 15 Jahre alt.

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Während Bühnenstücke für Kinder und auch für Jugendliche üblicherweise ein Happy End oder zumindest einen offenen Ausgang haben, weiß man hier schon, dass es schlimm enden wird: Die 1929 in Frankfurt geborene Jüdin Anne Frank wandert 1934 mit ihrer Familie in die Niederlande aus, wo sie sich ab Juli 1942 in einem Hinterhaus in Amsterdam mit mehreren anderen vor den Nationalsozialisten verstecken, jedoch nach einem mutmaßlichen Verrat am 4. August 1944 verhaftet werden und größtenteils ins KZ kommen. Dort stirbt Anne im Februar oder März 1945. Ihr Vater Otto Frank überlebt als Einziger aus der Familie.

In Mödling wird sie von Juliette Khalil gespielt. teatro 
- © HALMEN PHOTO DESIGN

In Mödling wird sie von Juliette Khalil gespielt. teatro

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Die Familie Frank. 
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Die Familie Frank.

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Hoffen bis zur letzten Sekunde

An dieser historischen Wahrheit führt auch im Musical in Mödling kein Weg vorbei. "Unser Stück ist aber nicht extrem traurig angelegt. Das Thema Tod zieht sich nicht durch das ganze Stück hindurch", sagt Intendant Bertassi. "Die realen Personen damals haben ja auch nicht gewusst, dass sie sterben würden. Die haben ja bis zur letzten Sekunde auf ihre Rettung gehofft und auch ihre Träume ausgelebt. Das fokussieren wir hier." Natürlich spielt immer wieder die Angst hinein, erwischt zu werden. "Aber je länger der Krieg dauert, auch mit der Landung in der Normandie, umso größer wird ihre Hoffnung, dass es gut ausgehen wird." Bis sie dann eben doch verraten und verhaftet werden.

Es beginnt mit der Hochzeit von Annes Eltern. Das Ende im KZ wird nicht gezeigt. 
- © HALMEN PHOTO DESIGN

Es beginnt mit der Hochzeit von Annes Eltern. Das Ende im KZ wird nicht gezeigt.

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Das Stück deckt die ganze Familiengeschichte ab, beginnend mit der Hochzeit von Annes Eltern, über die Flucht nach Amsterdam bis ins Versteck. Was danach im KZ passiert, wird allerdings ausgespart. So wie auch die Nazis nicht explizit vorkommen. "Es treten ganz kurz ein paar Frauen auf, die sagen: ‚Deutschland wird wieder groß!‘ Aber das war’s auch schon", erläutert Bertassi. "Was uns interessiert hat, war dieses Kind und die Frage, wie es diese Zeit überlebt. Auch die Konflikte, die in dieser engen Situation im Versteck entstehen, in dieser ständigen Anspannung."

Das Publikum sollte sich mit dem Stoff zuvor auseinandergesetzt haben, rät der Intendant. "Das abrupte Ende ist schon schiach. Man identifiziert sich ja mit dieser wunderbaren Figur, die so talentiert und fröhlich ist und trotz aller Widrigkeiten so positiv und zukunftsweisend in ihren Vorhaben ist. Ein Mädchen in diesem Alter hat ja eigentlich noch sein ganzes Leben vor sich - das wird hier radikal zerstört." Das ist für ihn das Tragischste an der Geschichte.

Während teatro sonst auch sehr junge Schauspieltalente einsetzt, ist diesmal die jüngste Darstellerin bereits 16 Jahre alt, und auch Anne Frank wird von einer Erwachsenen, nämlich Juliette Khalil, gespielt. Das Musical wurde bereits in Rom aufgeführt, Regisseur Norbert Holoubek hat es aber für teatro umgeschrieben. Dabei hat er sich strikt an Anne Franks originales Tagebuch gehalten und versucht, "es so natürlich wie möglich auf die Bühne zu bringen aus der Sicht dieser Jugendlichen".

"Ich hätte diesen Mut nicht"

Ein Auslöser für die Produktion war auch der Ukraine-Krieg, der für Bertassis durchaus Parallelen zum Zweiten Weltkrieg aufweist, etwa in Hinblick auf den Umgang mit dem Aggressor. "Das war ja alles schon einmal da." In gewissem Sinne steht das Musical also unter dem Motto: "Wehret den Anfängen!" Auch, weil das Thema Nationalsozialismus immer abstrakter zu werden droht. Wurde es nach Kriegsende lange totgeschwiegen, so nimmt es zwar inzwischen nicht nur in der Schule breiten Raum ein, aber die Zeitzeugen sterben aus. Und wer kann sich heute wirklich vorstellen, was sich damals abgespielt hat? Umso wichtiger war es Bertassi, das Mädchen Anne Frank und seine so plötzlich zerstörten Träume (Anne wollte ja Schriftstellerin werden) möglichst plastisch zu inszenieren.

Wenn das Stück gut ankommt, soll es künftig öfter rund um den Holocaust- oder auch den Pogrom-Gedenktag im November aufgeführt werden. Und Bertassi hat auch schon eine Idee für eine weitere Produktion in diese Richtung: "Ich wohne in der Sophie-Scholl-Gasse." Auch die Mitglieder der "Weißen Rose" beeindrucken den 1956 geborenen Theatermacher sehr. "Wenn ich mir selbst die Frage stelle, ob ich diesen Mut hätte wie diese Studenten damals, muss ich mir ehrlich eingestehen: Nein, ich hätte ihn nicht. Die Geschwister Scholl waren Helden. So wie alle, die jetzt zum Beispiel im Iran auf die Straße gehen, obwohl sie sehen, dass gerade wieder jemand deswegen gehängt worden ist."