Vor fast genau drei Monaten stand in der Volksoper Puccinis "La Bohème" an - als Neueinstudierung einer schlecht gealterten Harry-Kupfer-Inszenierung aus dem Jahr 1984. Am Ring hat man aktuell etwas noch deutlich Abgehangeneres auf dem Spielplan: Die "Bohème"-Version Franco Zeffirellis, erstmals dort gespielt am 9. November 1963, als Wiederaufnahme aus Mailand. Dass diese Produktion auch heute im Gegensatz zur Kupfer-Variante noch problemlos funktioniert, liegt an ihrer klassisch-werkgetreuen Optik, die ganz im Stil des 19. Jahrhunderts und ohne Schnickschnack daherkommt. Die Mansarde der Künstlerfreunde um Dichter Rudolfo etwa sieht eben tatsächlich aus wie bei Carl Spitzwegs "Armem Poeten", nur freilich etwas französischer. Neue Interpretationsideen sprießen bei Zeffirelli zwar ebensowenig, aber haben sich nun auch keine Zeitgeistigkeiten überlebt.

Staatsopern-Startenor Benjamin Bernheim hält sich lange Zeit immer wieder ein klein wenig zurück, sein heller, jede Dynamik unangestrengt abbildender Tenor vermag feine lyrische Glanzpunkte zu setzen. Für seinen emotional angemessenen, aber ausbaufähig gespielten Rodolfo ist Mimì zunächst weniger die große Liebe auf den ersten Blick: Der Schriftsteller spult seine Verführungskünste eher routiniert ab. Echtes Glück sieht anders aus. Rachel Willis-Sørensen gelingt ihr Rollendebüt am Haus als Mimì voller Spielfreude, sie verbleibt mit ihrem beweglichen, wunderbar wortverständlichen Sopran aber ein Stückchen im Sicherheitsmodus. Musetta ist bei Anna Bondarenko gut aufgehoben, nur etwas mehr Klarheit geht ihr ab. So kommt es, dass Boris Pinkhasovichs Marcello zum heimlichen Höhepunkt wird. Sein klangschöner, nuancierter Bariton weiß sich auch stets gegenüber dem mitunter etwas dominanten Orchester zu behaupten. Dessen Dirigentin Eun Sun Kim begleitet ansonsten mit ihren Musikern atmosphärisch passend, von zauberhaft-zart bis lustvoll-energisch.