Da tanzen die Schafe, auch nachdem sie geschoren wurden! Bobbies pfeifen auf ihren Pfeifen den Cancan (den das Orchester unter Alexander Joel später in atemberaubendem Tempo bei äußerster Präzision hinlegen wird). Zerberus macht Haufi. Und Jupiter, in eine Fliege verwandelt, fühlt sich von Höllenhundis Hinterlassenschaft mindestens so angezogen wie von Eurydike. Das britische Komikerduo Spymonkey, bestehend aus Toby Park und Aitor Basauri, inszeniert in der Volksoper Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt": ein Triumph des Lachens. Obendrein wird, heutzutage gilt diese Hauptsache allzuvielen Kritikern ja nur als Nebensache, glänzend gesungen und musiziert. Die reine Freude ist das!

Ganz ehrlich? - "Orpheus in der Unterwelt" kann sich, wie alle Offenbach-Operetten, ziehen. Zu weit weg für heute sind die Anspielungen, bei aller Brillanz einzelner musikalischer Einfälle, zu schablonenhaft die Musik. Was passiert, wenn die Satire in die Gegenwart verpflanzt wird, führt derzeit das Theater an der Wien vor - und keineswegs vorteilhaft.

Was tun, wenn auch das Sofa eine zweidimensionale Kulisse ist? - Hedwig Ritter in der Unterwelt. 
- © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Was tun, wenn auch das Sofa eine zweidimensionale Kulisse ist? - Hedwig Ritter in der Unterwelt.

- © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Rasante Aufführung

An der Volksoper indessen funktioniert alles ideal. Weil sich das Spymonkey-Regieduo entschlossen hat, "Orpheus in der Unterwelt" nicht mit provinzieller Pseudoaktualität vollzustopfen, sondern im Wesentlichen, ja, auch das gibt es in einzelnen Glücksmomenten des Musiktheaters noch, so zu spielen, wie diese Operette geschrieben ist. Gerade die Figur Jacques Offenbachs erfinden die beiden dazu, der, auf der vergeblichen Suche nach seinem Denkmal, durch das Geschehen taumelt und dabei allen gehörig auf die Nerven geht - nur den Zuschauern nicht, die sich von Marcel Mohabs komödiantischer Leistung begeistert zeigen. Selten, dass in einem Opernhaus so laut gelacht wird.

Die Öffentliche Meinung hat etwas von einer Heiligen: Ruth Brauer-Kvam. 
- © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Die Öffentliche Meinung hat etwas von einer Heiligen: Ruth Brauer-Kvam.

- © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Diese Regie ist einfach fulminant, voller Fantasie, die sich in Kleinigkeiten offenbart, voller skurriler Ideen und Gags, wie sie wahrscheinlich wirklich nur Komiker in britischer Benny-Hill- und Rowan-Atkinson-Tradition erfinden können. Und wie schön: Dem Stück wird nichts, absolut nichts dadurch angetan. Offenbachs "Orpheus" darf Offenbachs "Orpheus" bleiben, ein Musiktheater des Vergnügens, des Witzes, der augenzwinkernden Frivolität.

Dazu hat Julian Crouch das intelligenteste Bühnenbild und die besten Kostüme geschaffen: Die Zweidimensionalität der Kulisse ist der rote Faden - das alles wirkt prächtig und trashy zugleich, bunt und detailfreudig bietet es dem Auge eine Achterbahnfahrt der Eindrücke.

So, genau so, spielt man Operette: Rasant, unverstaubt, modern und bunt als grandioses Unterhaltungstheater auf hohem Niveau.

Perfekt umgesetzte Partitur

Und erst die musikalische Realisierung! Wie gesagt: Der "Orpheus" kann sich ziehen. Nicht aber, wenn Alexander Joel am Pult steht. Er treibt das glänzend disponierte Orchester vorwärts, die Posaunen dürfen sich bassmächtig aufplustern, die Holzbläser Lichter aufsetzen, die Streicher in ungeahnten Abtönungen schwelgen. So delikat und flott zugleich ist der "Orpheus" selten.

Hedwig Ritter als Eurydike mit strahlender Höhe - das ist atemberaubend! Und eine echte Komödiantin ist sie!

Wie überhaupt von allen glänzend gesungen und gespielt wird: Daniel Kluge als tenoral schmelzender Orpheus, Timothy Fallon, ein Pluto mit heldischem Metall in der Stimme als sein tenorales Gegenüber, Marco Di Sapia als machtloser Jupiter, der als Bariton und Fliege die beste Figur macht, Sebastian Matt als hinreißend jämmerlicher Hans Styx, der, am Lethewasser nuckelnd, größere Gedächtnislücken hat. Ruth Brauer-Kvam kräht die Öffentliche Meinung, dass es eine Freude ist!

Aristeus gibt sich Eurydike gegenüber als Pluto zu erkennen: Timothy Fallon und Hedwih Ritter. 
- © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Aristeus gibt sich Eurydike gegenüber als Pluto zu erkennen: Timothy Fallon und Hedwih Ritter.

- © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Überhaupt: Das ganze Ensemble ist bis in die kleinste Nebenrolle, bis in den von Roger Díaz-Cajamarca einstudierten Chor einfach perfekt. Und die Choreografie von Gail Skrela ist hinreißend, da kann das Wiener Staatsballett glänzen, sowohl als Schafe wie als Bacchanten beim Cancan.

Der fährt mit Großer Trommel, Becken, Posaune und Unterwelts- um nicht zu sagen Höllentempo mächtig in die Beine und reißt dem Publikum einen Applaus aus den Händen, wie man ihn nicht alle Tage erlebt. Da hat ein Haus kollektiv Bravo geschrien. Und Offenbach hat sein Denkmal in Wien: nämlich diese Aufführung.