Die Wiederentdeckung vergessener Autorinnen, gehört zu den erfolgreichen Unternehmungen von Martin Kušejs Intendanz. In dieser Spielzeit steht nun Maria Lazars (1895-1948) Roman "Die Eingeborenen von Maria Blut" auf dem Spielplan des Akademietheaters.

Der Roman, 1937 im dänischen Exil verfasst, ergründet luzid die Anfälligkeit der katholischen Provinz für den aufkeimenden Faschismus. Lazars Diagnose der 1930er Jahre trifft ins Schwarze: "Die Eingeborenen von Maria Blut" illustriert die lustfeindliche Religiosität und dumpfe Atmosphäre des Dorflebens. Armut und Abstiegsängste befördern antisemitische Tendenzen und Erlöserfantasien, das Rote Wien ist auf dem Land als Sodom und Gomorrha verschrieen.

Bösartiger Tratsch

Auf den ersten Blick erscheint der figurenreiche Roman kaum zu dramatisieren. Tatsächlich ist dem Dramaturgen Alexander Kerlin in Verbund mit Regisseurin Lucia Bihler eine knappe Fassung gelungen, die wie angegossen zur extrem stilisierten Inszenierung der 35-jährigen Regisseurin passt.

Wenn die Dorfbewohner auftreten, die titelgebenden "Eingeborenen", trägt das Ensemble überdimensionierte Masken, die wie pausbäckige Porzellan-Puppenköpfe aussehen. Auch die Kostüme von Viktoria Behr erinnern mit zugeknöpften Hemden und Puffärmeln an die 1930er Jahre, allerdings sind die Gewänder durchwegs rosarot und zum Teil aus durchsichtigem Plastik.

Der bösartige Dorftratsch wird entweder hinter vorgehaltener Hand geflüstert, oder von an der Seite stehenden Schauspielern ins Mikrofon gehaucht. Die Kommentare der anonymen "Eingeborenen" geben die Atmosphäre im Dorf wieder: Mit zunehmender wirtschaftlicher Not, wächst die Unduldsamkeit gegenüber all jenen, die aus der Dorfgemeinschaft ausscheren. Wie Doktor Lohmann. Der Landarzt, treffend verkörpert von Philipp Hauß, ist Sozialdemokrat und hadert damit, dass sein Sohn mit den Nazis sympathisiert. An Lohmanns Ächtung wird eine stramm antisozialistische Haltung durch dekliniert. Auch ein Brandanschlag auf die Fabrik durch die Nazis wird erfolgreich den Kommunisten in die Schuhe geschoben.

Der jüdische Rechtsanwalt Meyer-Löw, grandios dargestellt von Dorothee Hartinger, bekommt die Feindseligkeit der "Eingeborenen" in voller Härte zu spüren - bei ihm werden Fensterscheiben eingeschlagen und seine Haushälterin, die temperamentvolle Marischka (Lili Winderlich), wird beim Einkauf im Dorfladen nicht anständig bedient.

"In dem schönen Ort Maria Blut werden alle Schmerzen wieder gut", lautet ein Diktum des fiktiven Wahlfahrtsortes Maria Blut, der mit einer wundertätigen Madonna punktet. Eine überlebensgroße Marienstatue dominiert folglich auch Jessica Rockstrohs Bühnenbild.

Die zweistündige Inszenierung zerfällt in Miniaturdramen, zersägt von harten Blackouts. Nie wird es gemütlich. Das fünfköpfige Ensemble hält, unterstützt vom Soundtüftler Jacob Suske, die Spannung. Der Theaterabend fordert einen mit unterschiedlichen Erzähl- und Spielweisen heraus. Die starke szenische Setzung unterläuft absichtsvoll die stringente Narration. Das Spiel mit und ohne Masken, die chorischen Passagen und szenischen Miniaturen sträuben sich gegen eine geschmeidige Interpretation. Vielleicht hätte der Inszenierung etwas mehr szenisches Miteinander nicht geschadet. Im Lauf der Handlung verstärkt sich nämlich der Eindruck, dass die Aufführung etwas zu zerhackt wird. Aber sei’s drum: Die Inszenierung begegnet einem komplexen Text mit einer komplexen Spielweise. Das ist doch schon was.