• vom 27.10.2010, 16:14 Uhr

Bühne

Update: 27.10.2010, 16:54 Uhr

Regisseurin Sabine Mitterecker erhält 2010 den Theaterpreis Nestroy für die beste Off-Produktion des Jahres

Theaterräume im Auge des Taifuns




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Von Judith Belfkih

  • Bernhards "Frost" ab Freitag wieder im Museum Moderner Kunst.
  • Die Nestroys werden am 8. November im Burgtheater verliehen.
  • "Wiener Zeitung": Was bedeutet Ihnen der Nestroy-Preis?
  • Sabine Mitterecker: Die Anerkennung für eine gelungene Arbeit freut jeden Künstler, jede Künstlerin. Aber vor allem fühle ich mich auf dem Weg bestärkt, den ich bei "Frost" gegangen bin: Ein Werk des wichtigsten österreichischen Schriftstellers im späten 20. Jahrhundert noch einmal in den Mittelpunkt zu stellen, ihm eine neue Lesart abzugewinnen; im Museum für das Theater im Zusammenspiel mit der bildenden Kunst Erfahrungsräume zu öffnen, die im Theaterbetrieb der Stadt so nicht alltäglich sind.

Wie kommt man ausgerechnet auf den Roman "Frost" als Vorlage?


Ich habe am Landestheater Linz Thomas Bernhard inszeniert - "Heldenplatz" und "Am Ziel" - und bin dabei intensiv in die einzigartige Gedanken- und Sprachwelt Bernhards eingetaucht. Dann hab ich noch einmal alle seine Romane gelesen und bin bei "Frost" hängen geblieben. Dieser erste große Wurf zeichnet Motive, Haltungen und Konstellationen späterer Arbeiten weitgehend vor. "Frost" birgt im Kern den ganzen Bernhard bis zum "Heldenplatz". Das fand ich spannend.

Ist Thomas Bernhard noch aktuell?

Während der Arbeit an "Heldenplatz" beispielsweise hatte ich nie das Gefühl, mich in den Konstellationen eines vergangenen Konflikts zu bewegen. Bernhard zeigt, wie sich Vernichtung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung Wiens auch bei den nächsten Generationen als nicht auszulöschende Verstörung manifestiert. Das bleibt, auch wenn die Erregungspotenziale aus dem Skandal zur Uraufführung längst abgebaut sind. Bernhard hat noch viel zu sagen.

Wie verträgt sich Ihre Affinität zu Bernhard mit dem doch sehr befremdlichen Frauenbild, das er in seinen Texten entwirft?

Thomas Muster ließ sich von den Fans trotz Niederlage feiern. Im kommenden Jahr will der 43-Jährige noch einmal durchstarten. Foto: apa/Pfarrhofer

Thomas Muster ließ sich von den Fans trotz Niederlage feiern. Im kommenden Jahr will der 43-Jährige noch einmal durchstarten. Foto: apa/Pfarrhofer Thomas Muster ließ sich von den Fans trotz Niederlage feiern. Im kommenden Jahr will der 43-Jährige noch einmal durchstarten. Foto: apa/Pfarrhofer

(lacht) Aus diesen Stimmen spricht der Selbsthass des patriarchalisch geprägten Mannes. Sie schätzen gering an ihren über weite Strecken stummen Zuhörerinnen, was sie sich selbst versagen. Solche Passagen sind ein Konzert von Stimmen, der hässliche Klang einer schlechten Welt. Das ist oft ausgesprochen komisch, da klingt Bernhards schallendes Gelächter im Hintergrund mit. Die Deformationen des bürgerlichen Subjekts lassen sich bei ihm trefflich studieren.

Zweifache Nestroy-Preisträgerin Sabine Mitterecker. Foto: 3007 Wien

Zweifache Nestroy-Preisträgerin Sabine Mitterecker. Foto: 3007 Wien Zweifache Nestroy-Preisträgerin Sabine Mitterecker. Foto: 3007 Wien

Warum adaptiert man Prosatexte für das Theater - gibt es nicht genug interessante neue Stücke?

Mein Theater braucht starke Texte mit Reibungsflächen. Das finde ich unter anderem bei Bernhard und zwar in allen Textgattungen. "Frost" ist durchzogen von einem dialogischen Prinzip, Beobachtungen wechselnder Perspektiven, lauter Theatermomente. Mit diesem Material die Gattungsgrenzen zu passieren, ohne Wesentliches zu verlieren, war ein Bearbeitungsprozess über Monate. Er dauert so lange, bis jeder Satz notwendig und jeder Satz Theater ist.

Wäre "Frost" auch am Theater möglich gewesen?

Uns hat der inhaltliche Bezug von "Frost" zur bildenden Kunst ins Museum geführt. Es gibt sicher auch Theater, die den langen Bearbeitungszeitraum aushalten und die notwendige Sorgfalt. Ich finde sie aber nicht, oder sagen wir noch nicht in Wien.

Ist die Wiederaufnahme ein Resultat des Nestroy-Preises?

Nein, die zeitliche Übereinstimmung ist Zufall. Wiederaufnahmepremiere ist am 29. Oktober, im Mumok. Dann spielen wir bis 5. November. Am 8. November ist dann die Nestroy-Gala. Nach monatelangen erfolglosen Bemühungen, die Finanzierung mit Wien aufzustellen, ist dasBMUKK eingesprungen. Schön, wenn man in der Politik Menschen trifft, die tatsächlich Interesse an dem haben, was im Feld der Kunst geschieht. Dafür möchte ich Ministerin Claudia Schmied danken.

Sie erhalten den Nestroy schon zum zweiten Mal, was ist anders?

Der erste Nestroy war 2000, für meine erste Inszenierung in Wien. Es war damals schwer einzuordnen, was der Preis bedeutet, ob er sich durchsetzt. Heute nehmen mein Team und ich die Auszeichnung bewusster wahr. Die Jury goutiert, dass wir ohne eine Institution im Rücken, sozusagen im Auge des Taifuns der etablierten KultureineMarkesetzen,die so weder vorgesehen noch vorhersehbar war. Das finde ich bemerkenswert.

Sehen Sie sich als freie Theatermacherin?

Ich habe oft frei produziert und auch über Jahre im Repertoiretheater gearbeitet. Aber ich habe mich nie einer "Szene" zugerechnet. Theater bildet den Denkraum, in dem Politisches mit ästhetischen Mitteln verhandelt werden kann, das gilt seit 2500 Jahren bis heute.

Was erhoffen Sie sich vom Nestroy-Preis?

Dass eine Arbeit wie "Frost" nicht jedesmal von Neuem auf der Kippe steht, dass Projekte aufeinander aufbauen können und man nicht jedesmal bei null beginnen muss.

Ist das der Ruf nach einer mehrjährigen Förderung?

Zumindest Planbarkeit und eine dem Vorhaben angemessene Finanzierung wären gut. Produktionsbudgets sind keine Hausnummern, die sich einfach nach unten lizitieren lassen.

Oder nach der Anbindung an ein Haus?

Da stellt sich die Frage nach den Bedingungen.

Können Sie sich vorstellen, selbst ein Haus zu leiten?

Sicher.

In einer Umfrage zur Regierungsbildung in Wien haben Sie geantwortet, Sie erhoffen sich Fortschritte in der Frauen- und Migrationspolitik auf kulturellem Gebiet. . .

Eine Stadt sollte sich im Kulturleben in der gesamten Bandbreite ihrer Lebensformen und in all ihren Widersprüchen erfahren können. Im Theater gibt es da nicht wirklich Fortschritte. Nach dem Abgang von Emmy Werner vom Volkstheater sind leitende Positionen fast ausschließlich wieder Männersache. Das fördert sicher nicht die künstlerische Vielfalt.

Nestroy-Preis 2010

Erstmals in seiner elfjährigen Geschichte wird der Wiener Nestroy-Preis für herausragende Theaterleistungen am 8. November im Burgtheater verliehen. Die Auszeichnung für das Lebenswerk erhalten Ulrike Kaufmann und Erwin

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-10-27 16:14:56
Letzte Änderung am 2010-10-27 16:54:00

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