• vom 26.01.2009, 16:34 Uhr

Bühne

Update: 26.01.2009, 16:35 Uhr

Theater

Russischer Winter - Ein Horrormärchen




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Von Hilde Haider-Pregler

  • Auch Täter haben ihre Utopien. "Ich habe einen Traum", versichert Andrej Danilowitsch gleich zu Beginn. Doch sein Traum steht im diametralen Gegensatz zum friedlichen Menschheitstraum eines Martin Luther King. Als Befehlshaber der "Opritschnina", der Schergentruppe im Dienste eines Terrorregimes, kämpft er im Winter 2027 als gehorsamer Gefolgsmann des allmächtigen "Gossudar" für eine an der Herrschaft Iwan des Schrecklichen orientierte "Wiedergeburt Russlands".
  • Wie ein Tageslauf dieses treuen Dieners seines Herrn aus der Täterperspektive aussieht, schildert Vladimir Sorokin in seinem provokanten Roman "Der Tag des Opritschniks" (2006), der Kritik an der Gegenwart in eine grausam und gnadenlos überzeichnete satirische Zukunftsvision verpackt.

Eine knapp einstündige Bühnenadaption des Werkes (Textfassung und Regie: Kai Ohrem) ist nun am Schauspielhaus zu sehen und bietet Max Mayer die Gelegenheit zu einem sprachlich und körpersprachlich mitreißenden Virtuosen-Solo. Der kraftstrotzende, energiegeladene Opritschnik - rote Sporthose, schwarzes Shirt, Tattoo am muskulösen Oberarm - prahlt voll Stolz mit dem stattlichen Besitz, der ihm sieben Monate zuvor nach Ermordung des früheren Eigentümers zugefallen ist. Dies entspricht einer gemäß den Regeln organisierter Barbarei funktionierenden Gesellschaft, in der Folter und öffentliche Enthauptungen von "staatsfeindlichem Gesindel" auf der Tagesordnung stehen.


Die Anweisungen dazu erteilt der gottähnlich verehrte, nur als Stimme von oben allgegenwärtige Gossudar, der sein Land durch eine Mauer von der übrigen Welt abschotten lässt.

Im Übrigen ist der vorbildliche Opritschnik auch der Überzeugung, mit der Ausmerzung des "staatsfeindlichen Gesindels" im Sinne der "heiligen apostolischen Kirche" zu handeln. Ehe er zur Tat schreitet, küsst er seine Lieblings-Ikone und vergießt beim Anblick der Kremltürme im Sonnenlicht Tränen der Rührung. Dass die Opritschniki nicht vor Korruption und abergläubischen Praktiken gefeit sind, verdeutlichen Videoeinspielungen mit einer für ihre inhaftierte Freundin intervenierenden Ballerina und einer Wahrsagerin. Und am Abend winkt schließlich orgiastische Erholung im Kreise der ihre Privilegien genießenden Kumpane.

Alles in allem: ein beklemmendes Horror-Szenario und dank Max Mayer ein eindrucksvoller Theaterabend.

Theater

Der Tag des Opritschniks

Nach Vladimir Sorokin Kai Ohrem (Regie) Mit: Max Mayer Schauspielhaus Tel.: 01/317 01 01 11 Wh.: 27., 30. Jän.; 4. Feb.



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Dokument erstellt am 2009-01-26 16:34:49
Letzte Änderung am 2009-01-26 16:35:00


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