Wenn das Burgtheater auf Sommerferien geht, dann schlägt die Stunde der Sommertheater. Allein das Theaterfest in Niederösterreich erwartet heuer 200.000 Gäste an 23 Spielorten. Und es gibt bekanntlich noch andere Bundesländer. Im Folgenden ein kleines Kompendium für kulturinteressierte Ausflügler.

Der Intendant:

Aushängeschild, Kulturmanager, traditioneller Prinzipal: Es gibt mehrere Typen von Festspielprinzipalen. Sommerfestspiele zu leiten ist bevorzugtes Steckenpferd von Persönlichkeiten, die aus Funk und Fernsehen bekannt sind. Der prominente Neuzugang in diesem Jahr ist Michael Niavarani. Der ist freilich nicht ganz unbeleckt in Sachen Theaterintendanz, ist er doch seit Jahren Chef des Kabarett Simpl. In Berndorf übernimmt er nun von Felix Dvorak und setzt auf gerade genug anzüglichen Boulevard. Anzurechnen ist ihm schon jetzt, dass er nicht, wie Dvorak im Vorjahr, auf das Engagement von fraglich begabten ORF-Sprecherinnen wie Claudia Reiterer im Schauspieler-Ensemble setzt. Für die Verpflegung dürfte Niavarani auch schon gesorgt haben, bei einem Pressegespräch hat er werbewirksam verkündet, der einzige Grund, warum er die Festspiele übernommen habe, sei "der Schweinsbraten aus dem Hause Neu-Wirt".

Prominente Gesichter stehen auch für den Theatersommer Haag, den Schauspieler Gregor Bloéb leitet, und die Schlossspiele Kobersdorf, bei denen sich Wolfgang Böck von der Fernseharbeit erholt. Nicht zu vergessen natürlich Elfriede Ott, die unermüdlich Nestroy auf Burg Liechtenstein spielt. Irgendwann werden wohl sogar Stermann und Grissemann ein Sommertheater leiten.

Ein ganz anderer Typ Intendant steht für Festspiele wie jene in Reichenau oder in Perchtoldsdorf. In Reichenau verdienen seit Jahren Peter und Renate Loidolt die Bezeichnung Prinzipalen wie kaum jemand anderer. Mit ihren Kontakten zu Burgschauspielern haben sie ihre Festspiele zu den begehrtesten bei kultivierten Sommerfrischlern gemacht. Karten sind meistens schnell weg.

In Perchtoldsdorf ist im vergangenen Jahr Barbara Bissmeier als künstlerische Leiterin angetreten. Sie war bereits zuvor bei dem Festival für die Auswahl von Stücken, Regisseuren und Schauspielern zuständig. Außerdem war sie im Bühnenbeirat des Bundeskanzleramtes: In dieser Funktion, in der sie so ziemlich alles gesehen hat, was es in Österreich im Theaterbereich zu sehen gab, hat sie sich ein Netzwerk aufgebaut, das in jedem Kulturmanagementkurs als vorbildlich präsentiert würde. Kurz: Diese Frau kennt niemanden nicht. Für ein Sommertheater mindestens so wichtig wie ein prominentes Gesicht.

Der Semmering:

Wer will schon Schnitzler vorwerfen, er habe geirrt? Eben. Einst traf er sich mit Hugo von Hofmannsthal zum Spazieren am Semmering. Der Reiz des Gebirgskurorts dauert nach wie vor an. Und wird vor allem von Sommerfestspielen genützt. Da sind auf der einen Seite natürlich die alteingesessenen Festspiele Reichenau, die allerdings in diesem Jahr mit einer herben Niederlage leben müssen. Seit heuer ist es nicht mehr möglich, das Südbahnhotel zu bespielen. Der diskrete Charme des Ruinösen hat leider nun doch so weit geführt, dass das Hotel gesperrt werden musste. Alle Aufführungen finden deshalb im Theater in Reichenau statt.

Doch dort gibt es noch ein weniger bekanntes, aber auch ambitioniertes Projekt: Die Schauspielerin und Regisseurin Helga David inszeniert im Thalhof Sommer für Sommer - natürlich - Schnitzler. Heuer drei Einakter unter dem Titel "Das Abschiedssouper". Aber weil sich am Semmering jetzt sowieso schon Reich, Schön und Kulturaffin trifft, kommt es auf ein weiteres Festival schon nicht mehr an. In diesem Jahr gesellt sich also ein neues hinzu, das nennt sich "Sommertraum", was irgendwie wie ein Eisbecher klingt. Das neue Festival bespielt das alte Kurhaus (gebaut 1909), in dem schon Paulus Manker seine Alma flanieren ließ. Hauptsächlich Musikalisches hat Intendantin Elisabeth-Joe Harriet im Angebot. Aber auch eine kabarettistische Kammeroperversion von Mozarts "Don Giovanni". Schnitzler ist gar nicht dabei. Schiele auch nicht, aber das wäre auch unpassend, hat der doch einmal gesagt: "Der Semmering gefällt mir nicht, es schaut dort so kitschig aus."

Die Stücke:

Es ist ein altes Klischee, dass nur Shakespeare und Nestroy auf Sommerbühnen zu sehen ist. Stimmt nicht. Molière gehört auch noch dazu. Im Ernst: Diese Klassiker sind natürlich auch heuer gut im Geschäft. In Kobersdorf spielt Wolfgang Böck den "Eingebildeten Kranken", in Haag wird der "Sommernachtstraum" geträumt, und in Maria Enzersdorf arbeitet sich Elfriede Ott nach wie vor an Nestroy ab, diesmal mit "Eisenbahnheiraten". Das hat auch viel damit zu tun, dass gerade das Sommertheaterpublikum Traditionell-Konservatives sehr schätzt. Also durchaus auch Urlaub von verwegenen Inszenierungen, die man unterm Jahr als Abonnent vielleicht über sich ergehen lassen muss, haben will.

Aber auch untypische Autorennamen findet man im Programm des Theaterfestes NÖ: Aristophanes zum Beispiel (Perchtoldsdorf). Immer beliebter werden Dramatisierungen von Filmen, wie es etwa heuer Neuzugang Litschau bietet: Da ist eine Theaterversion der Hollywood-Komödie "Harry&Sally" zu sehen. Wem das zu avantgardistisch ist, der urteilt in Weitra darüber, wie gut Felix Dvorak ein Kostümchen steht - in "Charleys Tante".