• vom 24.03.2011, 18:55 Uhr

Bühne

Update: 24.03.2011, 18:56 Uhr

Wiener Volkstheater: Erni Mangold begibt sich auf die Spuren von Sarah Bernhardt

Die vielen Lebensmasken einer Schauspielerin




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Hilde Haider-Pregler

  • In John Murrells semidokumentarischem Schauspiel über Sarah Bernhardt hält die 77-jährige Diva bei der Arbeit am zweiten Teil ihrer "Memoiren" Rückschau auf ihr bewegtes Leben. Erinnerungen werden für sie aber nur gegenwärtig, wenn sie die Vergangenheit im Spiel neu auferstehen lässt. Ihr Sekretär wird dabei zum widerwilligen Mitspieler, dem die jeweils benötigten Rollen - beginnend mit der Mutter bis hin zu Oscar Wilde - zugeteilt werden.

Erni Mangold in der Rolle der Schauspiel-Legende Sarah Bernhardt. Foto: Lalo Jodlbauer

Erni Mangold in der Rolle der Schauspiel-Legende Sarah Bernhardt. Foto: Lalo Jodlbauer Erni Mangold in der Rolle der Schauspiel-Legende Sarah Bernhardt. Foto: Lalo Jodlbauer

Bühnenwirksam ist das geschickt konstruierte Zwei-Personen-Stück in der Verknüpfung von Fiktion und biographischer Überlieferung allemal. Vor allem aber bietet es eine Paraderolle für die schlichtweg großartige Erni Mangold, die der oszillierenden Persönlichkeit der schon zu Lebzeiten zur Legende gewordenen Sarah Bernhardt (1844 bis 1923) in Michael Schottenbergs sensibler Inszenierung bestens gerecht wird.


Eine vollendete Tragödien-Darstellerin

Nicht nur in Frankreich, sondern auch auf ihren ausgedehnten Tournéen durch Europa, Amerika und Australien wurde "la divine Sarah" als vollendetste Tragödiendarstellerin ihrer Zeit gefeiert. Abgesehen davon, inszenierte sie sich für die Öffentlichkeit auch als femme fatale mit zahllosen Liebhabern und als Exzentrikerin, die sich Raubkatzen als Haustiere hielt und nicht in einem gewöhnlichen Bett, sondern in einem Sarg schlief.

In Erni Mangolds Darstellung verschwimmen die Grenzen zwischen bewusster Selbstinszenierung und einer trotz äußerem Erfolg lebenslang um Zuwendung und Anerkennung ringenden, innerlich unsicheren Frau, die sich hinter den verschiedensten Masken verschanzt. Wenn sie es für nötig hält, spielt sie ihre Gebrechlichkeit aus, verwandelt sich aber im nächsten Moment in ein verschüchtertes Kind, das von der dominanten Mutter - einer stadtbekannten Pariser Maitresse jüdischer Herkunft - in ein katholisches Internat gesteckt, allerdings dann als 15-Jährige verkuppelt wird. Sie verfügt über das Bühnen-Pathos von Racines "Phädra", zeigt die Allüren eines Weltstars, trifft in jeder gespielten Lebensstation den richtigen Ton, um im nächsten Augenblick - gewissermaßen privat - ihren widerborstigen, aber treu ergebenen Sekretär Pitou resolut herumzukommandieren. Oder sie zwingt ihm schmeichelnd und schmollend Rollen auf, die ihm - wie etwa eine Nonne oder Oscar Wilde - besonders widerwärtig sind. Erich Schleyer ist ihr in diesem tragikomischen Spiel ein kongenialer, betont umständlich mit Requisiten hantierender Partner.

Ein großer Abend für das Volkstheater in den Bezirken. Und ein großer Abend für Erni Mangold zu ihrem 65-jährigen Bühnenjubiläum.

Theater

Memoiren der Sarah Bernhardt

Von John Murrell

Michael Schottenberg (Regie)

Volkstheater in den Bezirken

Wh.: 25. (VHS Brigittenau), 27. (VHS Ottakring) und 28. März (VHS Leopoldstadt)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-03-24 18:55:35
Letzte Änderung am 2011-03-24 18:56:00

Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Eine wunderbare Reise zu den Ursprüngen von Jethro Tull
  2. Kunst
  3. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  4. Wer ist hier der Roboter?
  5. Die Wahrheit über Fake News
Meistkommentiert
  1. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  2. "Kurz bringt die Rechtsextremen in den Mainstream"
  3. "Die Weißwurst muss dir freundlich gesinnt sein"
  4. Karger "Don Carlos" in der Kammeroper
  5. ORF teilt TV-Sender gesellschaftlichen Gruppen zu

Werbung



Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker.

Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk. Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.


Werbung