• vom 28.07.2008, 18:45 Uhr

Bühne


Eröffnung der Salzburger Festspiele: Jubel für Andrea Breths Version von Dostojewskis "Verbrechen und Strafe"

Im Elend gestrauchelt, aber geliebt




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Von Petra Rathmanner

  • Gebeugt steht ein junger Mann an der Bühnenrampe. Niedergedrückt wirkt er, seine Körperhaltung scheint in dieser ersten Szene schlaff, als wäre er krank. Als hätte ihm eine Last das Rückgrat gebrochen, schlurft er, armselig bekleidet, wie ein Fleisch gewordenes Fragezeichen durch die fünfstündige Inszenierung: Rodion Romanowitsch Raskolnikow, der Protagonist aus Dostojewskis Roman "Verbrechen und Strafe", in der Regie von Andrea Breth präzis verkörpert von Jens Harzer. Zwei Frauen hat Raskolnikow grausam mit dem Beil erschlagen, dann stümperhaft ausgeraubt. Der perfekte Mord ist dem bettelarmen Jusstudenten im Grunde per Zufall geglückt.
  • Größter Krimi aller Zeiten

Jens Harzer schlurft als Raskolnikow wie ein lebendes Fragezeichen durch die abgründige fünfstündige Inszenierung von Andrea Breth. Im Hintergrund Birte Schnöink als seine geliebte Sonja. Foto: Bernd Uhlig

Jens Harzer schlurft als Raskolnikow wie ein lebendes Fragezeichen durch die abgründige fünfstündige Inszenierung von Andrea Breth. Im Hintergrund Birte Schnöink als seine geliebte Sonja. Foto: Bernd Uhlig Jens Harzer schlurft als Raskolnikow wie ein lebendes Fragezeichen durch die abgründige fünfstündige Inszenierung von Andrea Breth. Im Hintergrund Birte Schnöink als seine geliebte Sonja. Foto: Bernd Uhlig

Mit dem Jahrhundertroman von 1866, für Thomas Mann der "größte Kriminalroman aller Zeiten", haben die Salzburger Festspiele glänzend ihr Schauspielprogramm eröffnet. Im Landestheater findet ein erfreuliches Wiedersehen mit jenem psychologischen Spiel statt, das im zeitgenössischen Theatergeschehen mittlerweile eher verpönt ist.


Die Aufführung zeigt jedoch dessen vielschichtige Möglichkeiten auf: Regisseurin Breth erweist sich etwa als einfühlsame Versucherin ihrer Figuren, indem sie diese behutsam an jenen Punkt führt, an dem die Schauspieler auf der Bühne rückhaltlos ein Bekenntnis ablegen. Man muss als Zuschauer für die Manierismen dieser Spielform aber auch Geduld aufbringen, muss Nachsicht üben mit Szenen, die fast stillzustehen scheinen, in denen in Zeitlupe gegangen, geschwiegen wird.

Der Kunstgriff der 56-jährigen Spielleiterin, die auch für die kompakt-elegante Textfassung verantwortlich zeichnet: Breth rollt die Geschichte vom Ende her auf. Der Abend beginnt mit Raskolnikows Inhaftierung; aus dem Monolog des Häftlings, der sich im Kerker seiner Tat erinnert, entwickelt sich die Handlung.

Dieser Ansatz macht es möglich, die ausufernde Romanvorlage in alptraumhaften Sequenzen und raschen Szenenwechseln zu verdichten und erlaubt Brüche in der Narration, ohne dabei die Geschichte zu verraten.

Das Vorhaben, die Geschehnisse auf eine surreale Ebene zu heben, wird von Erich Wonders verträumtem Bühnenbild optimal unterstützt: Auf der nahezu leeren Spielfläche, verstellt nur mit spärlichen Requisiten und gemalten Prospekten, die bisweilen an die metaphysisch-transzendenten Bilderwelten eines Caspar David Friedrich erinnern, wird es die ganze Spieldauer über nie hell.

In finsterer Atmosphäre begegnen einander Existenzen mit verwüsteten Biographien: Trinker, Huren, Schwindsüchtige, Kriminelle versammelt Dostojewski vorzugsweise in seinem Roman.

Ein Panoptikum, das zeigt, wie sehr der Mensch als moralisches Wesen am Ende ist und dabei nur noch eines will: überleben.

Breth findet schneidend scharfe Bilder: Corinna Kirchhoff drischt als schwindsüchtige Marmeladowa auf ihre am Boden liegende Stieftochter Sonja (wunderbar-entrückt: Birte Schnöink) mit einem nassen Putzfetzen ein, unter Tränen und Flüchen schickt die Mutter sie auf den Strich, um die Familie zu ernähren. Der Vater (Uwe Bertram als gestrauchelter Trinker) ist dazu nicht mehr fähig. Er versäuft augenblicks das bitter verdiente Geld der Tochter.

Inmitten dieses Elends zeigt Breth Raskolnikow nicht als kühlen Philosophen, der sich beim Mord an der Wucherin (großartig: Elisabeth Orth) im Recht fühlt - Dostojewski entwarf im Roman mittels der Zentralfigur eine rationale Theorie des Verbrechens, vergleichbar mit Nietzsches Ideal vom Übermenschen.

Vielmehr bringt Jens Harzer die Verzweiflung eines Menschen zum Ausdruck, der in der bürgerlichen Gesellschaft zu Fall kommt, dessen Wertgefüge aus den Fugen geraten ist.

Erholung vom Weltschmerz

Orientierungslosigkeit wird vor allem in den Dialogpassagen mit Sven-Eric Bechtolf spürbar, der den Gutsbesitzer Swidrigajlow mit Grandezza spielt, sowie in den Szenen mit dem Ermittler, von Udo Samel als geradezu liebenswerter Oberlehrer dargestellt. Lichtgestalten sind überdies erwünscht: Die Liebe zwischen Sonja und Raskolnikow ist - inmitten der gezeigten Tristesse kaum vorstellbar - geprägt von wunderbarer Leichtigkeit. Sie haben nichts zu lachen, trotzdem können sie es.

Anders als Frank Castorf, der für seine Dostojewski-Bearbeitung anno 2005 ein chaotisch-delirierendes Höllenspektakel ohne Lichtblick entfachte, geht es Breth gerade um die Suche nach einem Weg aus der Ausweglosigkeit. Nicht die Vernunft hilft Raskolnikow dabei, sondern die Liebe. Erholung vom Weltschmerz empfindet der Gehetzte nur im Zusammensein mit Sonja. Darin liegt der Funken einer Chance auf ein bisschen Lebensglück für Menschen, die sonst gar nichts haben.

Theater

Verbrechen und Strafe Von Fjodor M. Dostojewski Andrea Breth (Regie) Mit: Jens Harzer, Sven-Eric Bechtolf, Elisabeth Orth, Udo Samel Landestheater (ausverkauft) Wh.: 28., 30., 31. Juli



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-07-28 18:45:43
Letzte Änderung am 2008-07-28 18:45:00

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