Dimitré Dinev: Mein Innenleben hat sich nicht verändert, ich habe auch noch dieselben Freunde wie vorher, also dürfte ich mich nicht so gewandelt haben. Mein Arbeitsleben hat der Roman allerdings sehr umgestaltet. Schön ist, dass ich nun vom Schreiben leben kann. Als anstrengend empfinde ich das Maß an Fremdbestimmung: Man muss darauf achten, nicht vereinnahmt zu werden. Ich habe zudem gelernt, welche Zahl an Lesungen gut für mich ist. Ich brauche Ruhe zum Schreiben, ich muss wissen, dass ich ohne Unterbrechung arbeiten kann. Manchmal brauche ich Tage, bis ich in eine Geschichte zurückfinde.

Sie sind 1990 nach Österreich geflohen, waren im Flüchtlingslager Traiskirchen untergebracht und haben sich in Wien mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Wie hat sich Ihr Blick auf die Stadt seit damals verändert?

Vieles hat sich gewandelt. Um die Veränderungen zu beurteilen, fehlt mir die Distanz. Auch wenn mich die Not nicht mehr unmittelbar betrifft, habe ich den Kontakt mit dem Elend nicht verloren. Früher haben meine Freunde geholfen, damit meine Existenz nicht völlig zerbricht. Jetzt bin ich derjenige, der helfen kann.

Ihr jüngstes Stück, die makabre Theatertotenwache "Eine heikle Sache, die Seele", wird nun am Volkstheater uraufgeführt. Angesiedelt im Wiener Migrantenmilieu, spielen darin Begräbnis-Rituale wie verhängte Spiegel und Grabbeigaben eine zentrale Rolle. Werden derartige Rituale in Bulgarien noch praktiziert?

Sich dem Schmerz hinzugeben, den Tränen freien Lauf zu lassen - ich finde dies besser als alles in sich hineinzufressen. Zu Allerheiligen ist es in Bulgarien etwa Brauch, direkt auf dem Grab den Tisch zu decken und dann dort zu speisen. Das nimmt dem Tod ein wenig den Schrecken.

Im Stück heißt es an einer Stelle: "Der Tod im Allgemeinen ist etwas Unnötiges, Überflüssiges und Dummes." Wie halten Sie es mit der Sterblichkeit? Wie wollen Sie einmal begraben werden?

Der Tod ist nicht mein Freund. Ich versuche ihn zu betrügen. An mein Begräbnis denke ich noch nicht.

In "Eine heikle Sache, die Seele" wird auch ausgiebig unglücklich geliebt . . .

Das einzige glückliche Paar wird vom Tod auseinandergerissen. Der Verstorbene und seine Frau im Stück sind verrückt genug, sich die Freiheit zu nehmen, das Leben anders zu gestalten, als die Wirklichkeit es ihnen erlaubt. Beide haben keine tollen Jobs, beide hätten jeden Grund der Welt, deprimiert zu sein. Aber sie sind es nicht. Sie haben Spaß miteinander, Freude am Leben.