Miguel Herz-Kestranek (l.) nützt Marcello de Nardo für seine Pläne. Foto:Festspiele Reichenau/Carlos de Mello
Miguel Herz-Kestranek (l.) nützt Marcello de Nardo für seine Pläne. Foto:Festspiele Reichenau/Carlos de Mello

An der Hauptstraße von Reichenau die schwarze Fahne. Erzherzog Otto wurde hier 1912 geboren. Damals erschütterte die "Affäre Redl" die Armee - das Stützgerüst des schon wackeligen Reichs. Sie marschiert heute zur Uraufführung von "Spion Oberst Redl" in schmucken blauen Röcken auf. Nicolaus Hagg löst das menschliche und politische Drama verblüffend originell mit einem Wahrheitsanspruch, der nur bis zum Bühnenrand reicht: Der Streber und Lebemann aus dem k.u.k. Generalstab, Abteilung Spionageabwehr, von den Russen zum Verrat militärischer Geheimnisse genötigt, war ein Werkzeug von Erzherzog Franz Ferdinand. Der Thronfolger wollte die marschierwütigen Eisenfresser bremsen. Denn "mit verratenen Aufmarschplänen geht nicht einmal ein Narr in den Krieg".

Auf Redls Dilemma zwischen Pflicht und schwuler Neigung stützten sich bereits Journalismus (Egon Erwin Kisch, Georg Markus), Theater (John Osborne: "A Patriot for me") und Kino (István Szabó, mit Brandauer).

Franz Ferdinand machte tatsächlich in seiner Militärkanzlei Gegenpolitik zum Alten Herrn in Schönbrunn. So wie Hagg für den Abweichler mit Sitz im Belvedere Hochachtung einfordert, will er den Täter Redl als Produkt militärischer Knabenerziehung, von Überwachen und Strafen verstanden sehen - und als Opfer der Ausgrenzung der Homosexuellen, die erst ein Doppelspiel erzwingt und Erpressung ermöglicht.

Hagg spielt selber einen Leutnant mit Namen Weizmann. Als Jude (schon getauft, aber das weiß niemand) wird er im Kasino diskriminiert - und diskriminiert selber. Denn er wird Priester und betet unkritisch die Verdikte gegen die "Widernatur" nach. So ist die Denkbrücke gebaut von der Homophobie zum strukturellen Antisemitismus. Edlen humanistischen Regungen entsprießt selten große Kunst. Ein Satz wie "Hast du den Schoß vergessen, der dich geboren hat?" klingt allemal hohl. Der Utopie ist nicht zu trauen, dass Vorurteile in deren dramatischer Darstellung abgebaut werden.

Der Latin Lover als Spion


Hagg stellt sein Anliegen auf einen plausiblen psychischen Unterboden. In Nebenhandlungen schwindelt er Damen ins Männercorps. Die Verlobung mit einem Traumfräulein (Emese Fay) platzt, die Schwester aus Lemberg (Johanna Arrouas) wird düpiert. Eine Tschechin von teuflischer Seminoblesse mit antihabsburgischem Furor (Sona MacDonald) agitiert für St. Petersburg.

Der quicke Latin-Lover-Typ Marcello de Nardo kommt als Redl ohne Klischee des rosa Fachs aus. Seine drahtige Virilität ist gebrochen durch ein angstgesteuertes Mienenspiel. Angst nicht nur vor dem Entdecktwerden - auch vor Verfall, Einsamkeit. Sein junger Lover, der einen Kopf größere Simon Mantei, lässt ihn seine Macht spüren. Die Anrede "Alter Mann" schmerzt wie eine Keule.

Regisseur Michael Gampe drückt mit Traumerscheinungen von Redl als Kind (das einmal die Kaiserhymne anstimmt) auf die sentimentale Hupe und hat den Kameraden in Uniformen putziges Haken-Zusammenschlagen und Hände-an-die-Hosennaht antrainiert. Rainer Frieb illustriert mit Koloraturen von Bonhomie, Inkompetenz, die Arroganz von Kaisers Generalität. Dagegen empfiehlt David Oberkogler das alte Beamtentum. Raphael von Bargen brüllt sich eine ungarische Großmaulseele aus dem Leib. Christoph Zadra findet als Militärattaché Lelio Spannochi, der als Erster Verdacht schöpft, kein Gehör.

Das historische Bastelwerkl funktioniert am schönsten, sobald Miguel Herz-Kestranek als Kronprinz durch die Prunktür schreitet. Eine so vornehme wie kraftvolle Erscheinung. Er bewegt sich, wie sich noch heute mancher in Ischl bewegt, und ist doch kein Bobby. Mit voller Stimme erklärt und befiehlt er exakt. Ihm glaubt man den weitblickenden Drahtzieher. Unter seiner Fahne siegt nicht das Gutgemeinte, sondern die Schauspielkunst.

Theater
Spion Oberst Redl

Von Nicolaus Hagg (Uraufführung)
Michael Gampe (Regie)
Mit Marcello de Nardo, Miguel Herz-Kestranek u. a.
Festspiele Reichenau
Bis 2. August