Nie mehr Nika Brettschneider und Ludvik Kavin im Brett? Theater Brett
Nie mehr Nika Brettschneider und Ludvik Kavin im Brett? Theater Brett

Wäre es nach den Empfehlungen der Theater-Jury gegangen, müssten sogar 13 Bühnen zusperren. Die übrigen acht erhalten im kommenden Jahr aber noch die einjährige Standortförderung, eine eigens von der Stadt Wien eingerichtete Bezirkssubvention.

Depressive Szene

"Es herrscht Depression in der Theaterszene", meint Ludvik Kavin. Gemeinsam mit seiner Frau Nika Brettschneider betreibt der 1977 aus der ehemaligen Tschechoslowakei ausgewanderte Dissident seit 21 Jahren das Theater Brett.

Zuletzt förderte die Stadt Wien das Haus im sechsten. Bezirk mit 150.000 Euro. Ab Jänner wird der Förderhahn der Stadt zugedreht.

Laut Nika Brettschneider bekomme man für ein mitteleuropäisches Festivalprojekt zwar finanzielle Unterstützung vom Vysegrad Fonds der Länder Ungarn, Tschechien, Slowakei und Polen, diese Mittel würden aber nur bis Juni 2006 reichen. Da der Mietvertrag für das Haus nur halbjährlich kündbar ist, steht das Paar vor einer schwierigen Entscheidung: Entweder ihr Lebenswerk aufgeben, oder mit dem Risiko, sich zu verschulden weiter machen. Die beiden werden sich vermutlich für das Risiko entscheiden. Von der Wiener Theaterreform halten sie - verständlicherweise - nicht besonders viel.

Obwohl ihr Haus ebenso zu den Reformverlierern gehört, steht Sissy Boran, Leiterin der Komödie am Kai im ersten Bezirk, der Theaterreform positiv gegenüber. Sie sei offen für Neues und Modernes, doch müsse man den bestehenden Häusern mehr Zeit geben.

"Bis Mai kommen wir durch. Erbarmt sich keiner, schaut es aus, als müssten wir zusperren", sagt Boran, die - ebenso wie Brettschneider und Kavin - dem Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) vorwirft, Gesprächen mit den betroffenen Theaterleitern aus dem Weg zu gehen. Sie versucht noch immer, einen Termin zu bekommen.

Ein Unterfangen, das die Leiter des Theaters Brett bereits aufgegeben haben.

Weiter kämpfen?

Nicht aufgeben will indes Geirun Tino vom Theater Pygmalion im achten Bezirk. Trotz einiger bereits abgelehnter Förderungsanträge, hofft er noch immer auf einen positiven Bescheid des Kulturamtes für ein zuletzt eingereichtes multikulturelles Projekt.

Sein Theater spielt auf rumänisch, ungarisch und russisch und bietet eine "Drehscheibe für Minderheiten". Da sich die Stadt Wien zur Ostöffnung bekenne, sollten diesem Bekenntnis auch entsprechende Taten folgen, meint der Theaterleiter. Die unmittelbare Zukunft des Pygmalion ist, laut Tino, durch eine Förderung des rumänischen Kulturministeriums, die ihm mündlich bestätigt wurde, gesichert.

Offenbar scheint es auch im Ateliertheater weiterzugehen. Auf der Homepage des Theaters, das erst 1999 ins neue Haus in der Burggasse umgezogen ist, werden jedenfalls noch Premieren für Februar, März und Mai angekündigt. Theaterleiter Manfred Tscherne war bis Redaktionsschluss nicht für eine Stellungnaheme erreichbar, aber alles deutet darauf hin, dass er weiter machen wird.

Keller ohne Kohle

Kämpfen will man auch im neunten Bezirk. "Wir weigern uns zuzusperren, wir wollen nicht wieder einen Kohlenkeller aus unserem Theater machen", zeigt sich Fritz Holy, künstlerischer Leiter des Theater Experiment am Liechtenwerd optimistisch. Obwohl er von der Stadt Wien keinen Cent mehr erhalten wird.

Mit 49 Sitzplätzen ist das Experiment das kleinste und älteste Wiener Kellertheater. Es wurde 1959 aus einem ehemaligen Kohlenkeller herausgeschält. Seit 26 Jahren kümmert sich Holy bereits um die Geschicke des Hauses und bereitet nun möglicherweise seine letzte Premiere vor: Am 2. Februar wird "Qualtinger und das neue Wien" über die Bühne gehen. Die Produktion, mit der das Haus zugleich sein 50-jähriges Jubiläum feiert, wird privat finanziert.

Zukunftspläne? "Wir hoffen auf Sponsoren", sagt Holy, der sich weniger um sich, als um seine Schauspieler sorgt: "Wir haben vielen eine Auftrittsmöglichkeit gegeben."

Über drohende Untätigkeit klagt auch der Schauspieler Peter Kuderna, der seit Jahren an der Komödie am Kai tätig ist: "Die Situation ist teuflisch. Für jene Schauspieler, die bisher an den Theatern engagiert waren, die jetzt schließen, wird es schwer. Da sind auch viele junge dabei."

Für die freien Gruppen sei die Reform zwar gut, man müsse jedoch davon ausgehen, dass deren Ensembles schon komplett sind. Die Aussichten auf ein Engagement seien gering. Entscheidend werde sein, nach welchen Prinzipien die freien Gruppen tatsächlich gefördert werden.

Doch als erfahrener Wiener, weiß Kuderna auch, dass es die ideale Lösung wohl niemals geben kann: "Irgendeiner wird auf jeden Fall jammern!"