• vom 12.10.2004, 00:00 Uhr

Bühne

Update: 30.03.2005, 15:23 Uhr

Volkstheater: Ariane Mnouchkines Bühnenbearbeitung von Klaus Manns Exil-Roman "Mephisto"

Der Künstler als (un)politischer Akteur im NS-Staat




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Von Hilde Haider-Pregler

  • Wie sich ein charismatischer Künstler und hemmungsloser Opportunist mit dem NS-Regime höchst erfolgreich zu arrangieren verstand, schilderte Klaus Mann bereits 1936 in seinem in Amsterdam erschienenen Exil-Roman "Mephisto", der unverkennbar die Karriere von Manns Kurzzeit-Schwager Gustaf Gründgens nachzeichnet. Im Volkstheater ist nun eine von Torsten Fischer inszenierte Bühnenfassung des Werkes zu sehen, die auf der 1979 entstandenen szenischen Bearbeitung der französischen Theatermacherin Ariane Mnouchkine basiert.

Eine beachtliche Ensembleleistung demonstriert hier deutlich und eindrucksvoll, dass es nicht um eine persönliche Demontage, sondern um Grundsatzfragen künstlerischer und politischer Verantwortlichkeit geht. Eine steil aufragende schwarze Stufenbühne (Herbert Schäfer) bietet Platz für alle Mitspielenden, die im Laufe des zweieinhalbstündigen, ohne Pause abrollenden Abends in wechselnden Gruppierungen hervortreten, wobei die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des jahrzehntelang für Aufregung sorgenden Werkes in die Handlung miteinbezogen wird. Wollte es doch Klaus Mann (Sebastian Herrmann) von Anbeginn an nicht als "Schlüsselroman" (miss)verstanden wissen; trotzdem erwirkte Peter Gorski, Gefährte und Adoptivsohn von Gustaf Gründgens, noch in den sechziger Jahren das gerichtliche Verbot der Verbreitung einer Neuauflage.


Verschachtelter Beginn

Mag sein, dass der informationsreiche Beginn des Abends mit den ineinandergleitenden Zeitebenen und der Vielzahl kurz auftauchender Figuren aus dem Theater- und Kulturleben der Weimarer Republik auf nicht mit der Sachlage Vertraute ein wenig verwirrend wirkt. Doch schon bald klärt sich die Geschichte, die in chronologischer Abfolge Bilder aus der deutschen Theaterwelt zwischen 1923 und 1934 lebendig werden lässt: Positionen werden deutlich. Noch ist Hendrik Höfgen nicht Wortführer in der linken Hamburger Bohème, wo man im "Sturmvogel" mit kritischem Polit-Kabarett Gesinnung demonstriert.

Doch Martin Reinke zeigt ihn von Beginn an als begnadeten Selbstdarsteller, den nichts anderes interessiert als die wirkungsvolle Inszenierung des eigenen Egos. Eine enge, sicherlich nicht uneigennützige Freundschaft verbindet ihn mit dem KPD-Mitglied Otto Ulrich (Günter Franzmeier) - historisches Vorbild: Hans Otto -, dem ideologischen Kopf der Truppe, den die Nazis später grausam zu Tode foltern werden. Auch die Ehe mit Erika (Katja Bellinghausen), Tochter des hochberühmten, im Familienkreis "Zauberer" genannten Schriftstellers Thomas Brückner (sprich Thomas Mann), ist wohl nur ein Schritt auf dem Weg nach oben.

Fatale Verblendung

In diesem Kreis rund um den humanistisch denkenden Theaterdirektor Magnus Gottschalk (Toni Böhm), der später gemeinsam mit seiner jüdischen Frau Myriam (Nicole Heesters) Selbstmord begehen wird, nimmt man die Nazis allzu lange nicht ernst. Der exzentrischen, international bereits arrivierten Diva Carola Martin (Isabel Weicken) stünde immerhin der Weg nach Amerika offen, doch sie entscheidet sich im letzten Moment für Moskau. Für die im Lande Gebliebenen verändert sich die Lage schlagartig, als der NS-Intendant Josthinkel (Tonio Arango) ans Ruder kommt. Sogar der idealistische Jung-Nazi Hans Miklas (Christoph Zadra), den sein neuer Direktor als Spitzel verwenden möchte, erkennt mit einem Mal seine Verblendung. Am Ziel angekommen ist allerdings der Wendehals Höfgen, der bereits in seiner Lebensrolle als Mephisto reüssieren konnte und dies auch - endlich Generalintendant des Berliner Staatsschauspiels - unter veränderten Vorzeichen zu tun gewillt ist, ohne sich einzugestehen, dass er da mit dem Teufel paktiert. Nicoletta von Niebuhr (Anna Franziska Srna) hingegen, vor kurzem noch hingebungsvolle Gattin eines (an Sternheim erinnernden) gesellschaftskritischen Dramatikers (Thomas Stolzeti), bekennt sich im Hinblick auf ihre schauspielerische Laufbahn zum pragmatischen Opportunismus . . .

Trotz Mischung unterschiedlichster Stile - drastisch karikierte Kabarettszenen, satirisch überzeichnete, grelle Typen, tänzerisch choreographierte Szenen, bewusst ausgespielte Theatralik, dann wieder berührend stille Dialoge - gelingt Fischer ein in sich geschlossener, mitreißender, die Problemstellung punktgenau aufdeckender Abend, der vom Premierenpublikum mit lang anhaltendem Beifall quittiert wurde.



Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2004-10-12 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-30 15:23:00

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