Nichts leichter, als über dieses "Hamlet"-Spektakel zu lästern. Viel Waffengetöse, einige effektvolle Arrangements und Tableaus, ein buntes Sammelsurium verschiedenster Darstellungsstile, in der altbewährten Übertragung von A. W. Schlegel scheinbar vom Blatt gespielt.

Aber kann das wirklich alles gewesen sein, was Klaus Maria Brandauer, vor Jahren selbst ein gefeierter Burgtheater-Hamlet, nun als Regisseur mit seiner Neuinszenierung von Shakespeares Tragödie im düster-praktikablen Bühnenraum (Peter Pabst) erzählen wollte? Wohl kaum. Dass mehr dahinter stecken könnte, lässt die Schauspieler-Szene erahnen: Eine Schar Wanderkomödianten, die ihre Profession mit intensivstem Einsatz ausüben, angeführt von einem mit prächtigem Schmierenpathos agierenden Prinzipal (Walter Schmidinger), überführen mit ihren dürftigen Mitteln den Usurpator auf dem Königsthron als gemeinen Mörder seines Vorgängers. Das um Glaubwürdigkeit ringende, arme Theater entlarvt das perfekt inszenierte Lügengespinst einer aus den Fugen geratenen Realität. Mag sein, dass Brandauer zu diesem mit innerer Beteiligung um Glaubwürdigkeit und unmittelbare Wirkung bemühten Theater zurückfinden wollte. Dass dies aber nur zum beliebigen Nebeneinander solistischer Interpretationsversuche führte, ist eine andere Sache.

Michael Maertens behauptet sich als selbstsicherer, manchmal schnoddriger, seinen gespielten Wahnsinn auskostender Dänen-Prinz, der mit innerlicher Wut, unbeirrbarer Konsequenz und recht lautstark Rache für die Ermordung seines Vaters nimmt, dessen Geist ihm als weibliches Gespenst (Maria Hengge) erscheint. Was die verbrecherisch errungene Königswürde für Robert Meyers Claudius - vom ersten Augenblick an als schleimiger Bilderbuchbösewicht im Vordergrund - bedeutet, zeigt sich schon daran, dass er seine Krone keinen Augenblick lang, nicht einmal auf dem Lustlager im zärtlichsten Geturtel mit der Königin, vom Kopf nimmt.

Und Maria Happels tief dekolletierte, laszive Gertrud lässt keinerlei Zweifel aufkommen, warum sie dem Mörder ihres Gatten rettungslos verfallen ist. Birgit Minichmayrs naiv-überdrehte, mit ihrem Bruder Laertes (Daniel Jesch) herumbalgende Ophelia steigert sich nach Hamlets Verrat in unüberbietbaren Theaterwahnsinn hinein, Branko Samarovski ist ein verschmitzter Polonius, Johannes Krisch ein in seiner Aufrichtigkeit rat- und hilfloser Horatio und Peter Matic ein diskreter Totengräber. Unter all den übrigen macht noch Johanna Eiworth als Fortinbras auf sich aufmerksam: ein blonder Strahle-Jüngling in blitzender Rüstung, der norwegisch zu parlieren versteht und nach dem blutigen Show-down die Toten abzählt.