Der allgegenwärtige Tod und ein weißgekleidetes Mädchen, das eingangs auf einem Dreirad unermüdlich seine Runden dreht, sind die Leitfiguren von Peter Turrinis Tanzspiel, das vom Fin de Siècle in die Gegenwart führt und denselben Namen trägt wie der Ort seiner Uraufführung: "Kasino". Dass der als nobles Burg-Experimentierfeld dienende Ballsaal in der einstigen k. u. k. Offiziersmesse durch die stilvolle Restaurierung zwar an äußerem Glanz gewonnen, an akustischer Funktionalität jedoch verloren hat, stört diesmal nicht weiter. Turrini beschränkt sich in seinem neuesten Bühnenwerk vor allem auf die Aussagekraft von Bildern, die, Privates und Politisches verknüpfend, als Momentaufnahmen österreichischer Geschichte im 20. Jahrhundert vorüberziehen.

Hatte Peter Handke vor einigen Jahren mit seiner "Stunde da wir nichts voneinander wussten", ein vollkommen stummes Spiel freier Assoziationen geschaffen, so übersetzt Turrini seine Inhalte diesmal über weite Strecken hin ins rein Optische, ohne völlig aufs Wort zu verzichten. Und in diesen spärlichen (Dichter-)Worten legt Turrini mit der ihm eigenen Aufrichtigkeit sein emotionales Anliegen in aller Direktheit offen. "Es ist ein großes Glück, wenn es etwas Glück vor dem Unglück gibt", piepst das bezopfte Kind im weißen Kleid am Anfang. "Wir leben noch" sind seine letzten Worte, und die letzten Worte des Spiels, das der "conditio humana" junger Menschen – stellvertretend Anna und Hans genannt – in entscheidenden Epochen unseres Jahrhunderts nachspürt. Sprachbilder wie jenes von einem "Loch am unteren Ende" des Herzens, "aus dem ununterbrochenen Blut tropft", widersetzen sich fraglos jeder Kritik.

Was Turrini in (insgesamt 100) Bildern zu erzählen weiß, übersetzt Leonard C. Prinsloo, dessen Inszenierungen bereits in der freien Wiener Opernszene starke Beachtung erzielten, mit einfach scheinenden Mitteln und choreographischem Können ins Optische: poetisch, erschreckend, witzig, sensibel und, wenn nötig, auch sarkastisch und skurril, wenn etwa der auf einer Krankenbahre hereingekarrte alte Kaiser noch kurz vor seinem Tod an den Brüsten der Schratt hängt. Die Live-Musik unter der Leitung von Hans Christian Tschiritsch bietet gekonnt ein akustisches Panorama des Jahrhunderts, Operette, Walzerseligkeit, manch politisch Lied, Oper, Jazz usw. ausbreitend.

Und die – vorwiegend junge – Burgtheater-Garde und ein großartig agierender Bewegungschor sind mit Verve bei der Sache. Da verliert Anna (Judith Hofmann) ihren Hans (Juergen Maurer) im Ersten Weltkrieg, die roten Stoffbahnen, die gerade noch das blutige Schlachtfeld versinnbildlichen, werden im roten Wien als rote Fahne der Revolution hochgezogen und eine stets andere Anna (Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Blanka Modra, Simona Sbaffi, Jana Becker) erlebt mit einem gleichfalls anderen Hans (Jewgenij Sitochin, Alexander Löffler, Michael Masula, Hans-Dieter Knebel, Amadeus Göllner) Ständestaat, Nazizeit, Wiederaufbau und die Zeit der angeblich befreienden "Selbstverwirklichung" in der Kommune, deren demütigende, kindliches Analverhalten verlangende Gruppentherapie-Rituale das Mädchen vom Land in den Selbstmord treiben. Rundum das jeweilige Paar wird, je nach Epoche, getanzt, geturnt oder marschiert. Lebensgier und (gewaltsames) Sterben bedingen einander im jähen Kontrast.

Der fiedelnde Tod (Gerhard Karzel) wächst, je weiter das Jahrhundert fortschreitet, zum bedrohlichen Stelzenmann in die Höhe.

Ein seltsamer, befremdlicher, vor keinem Cliché zurückweichender und doch berührender Abend, an dessen Ende Inszenierungsteam, Ensemble und Autor begeistert gefeiert wurden.