• vom 08.11.1999, 00:00 Uhr

Bühne

Update: 08.04.2005, 11:14 Uhr

Schauspielhaus: "Nie wieder Friede" von Ernst Toller

Wie man Feindbilder konstruiert




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Von Hilde Haider-Pregler

Unübersehbar prangt das Motto des Abends in Riesenlettern auf der steil aufragenden Stufenbühne: "Nie wieder Krieg". Was um alles in der Welt könnte die "Dunkelsteiner" in ihrer winzigen,


wirtschaftlich bestens florierenden Steueroase dazu bewegen, zwei Buchstaben durch drei andere zu ersetzen und fortan dem Slogan "Nie wieder Friede" zu huldigen? Franziskus von Assisi kann es sich

von seiner jenseitigen Beobachterposition aus nicht vorstellen, doch der in der ewigen Seligkeit einigermaßen gelangweilte Napoleon belehrt den Heiligen eines Besseren, das allerdings der

menschlichen Vernunft das allerschlechteste Zeugnis ausstellt. Zur Kriegsverhetzung genügt es, wenn ein angeblich wegen seiner Kompetenz eingesetzter "Führer" zum Zusammenstehen gegen einen

(beliebigen) "Erbfeind" und alles von außen Kommende aufhusst.

Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Ernst Tollers Komödie "Nie wieder Friede" bietet das Schauspielhaus in Hans Gratzers stilsicherer, unterhaltsamer und zugleich sehr nachdenklich

stimmender Inszenierung ein echtes Gustostück für literarische Feinschmecker. Seine Premiere erlebte Tollers vorletztes dramatisches Werk 1936 in der englischen Übersetzung von E. Crankshaw ("No more

Peace") und mit Songtexten von W. H. Auden am Gate-Theatre in London, einer Exilstation des aus NS-Deutschland verjagten Dichters, der im Ersten Weltkrieg vom Kriegsfreiwilligen zum revolutionären

Marxisten mit pazifistischen Idealen mutiert war, sich in der kurzlebigen Münchner Räterepublik als Politiker versuchte, nach abgebüßter Festungshaft mit seinen zum Kampf gegen soziale Missstände

aufrufenden Stücken auf den Bühnen der Weimarer Republik Erfolge feierte und schließlich angesichts der für ihn immer unerträglicheren, seine satirischen Antizipationen übertreffenden Wirklichkeit

1939 in New York den Freitod wählte.

In "Nie wieder Friede" amalgamiert Toller, dramaturgisch die politisch-agitatorische Revue weiterführend, die literarisch bewährte Form der Totengespräche mit satirischen, volkstheatralen und

kabarettistischen Elementen. Die Dunkelsteiner sind, wie ihre Namen verraten, archetypische, aus der biblischen Überlieferung hergeleitete Figuren: Da ist der reiche Herr Laban (Eduard Wildner), der

nach Kriegsausbruch sofort die Verheiratung seiner Rahel (Liese Lyon) mit dem Brasilianer Jacobo (Stephan Brauer) unterbindet und den Friseur Emil (Wolfram Rupperti), Prototyp des wild gewordenen

Spießers, an die Staatsspitze hievt. (Im übrigen hatte Toller schon 1923 in "Der entfesselte Wotan" einen Friseur als · im Stück · noch rechtzeitig gebremsten politischen Hochstapler gezeigt!) Der

Aussteiger Noah (Wolfgang Michalek) wird da auf einmal zum Feindbild für alle angepassten Hurra-Schreier. Für die Sänger des Kinderchores ändert sich nur der Text, nicht aber die aufrüttelnde

Melodie: Nun marschieren sie nicht mehr als "Soldaten des Friedens", sondern in einer Zeit der Denunziationen, Verwüstungen und willkürlichen, sogar Rahel bedrohenden Todesurteile als "Soldaten des

Krieges" auf. Das neuerliche Umlernen wird nur noch einer erleben, weniger aufgrund des von seiner irdischen Mission überforderten Philosophen Sokrates (Eduard Wildner), sondern dank eines nicht ganz

astreinen Geschäftes: Ein seiner altmodischen Flügel überdrüssiger Engel (Michael Chadim) steckt Laban, dass der Scharfmacher Emil eine brasilianische Großmutter aufzuweisen hat . . . im Gegenzug für

diese friedensverheißende Information revanchiert sich Laban mit dem neuesten Pariser Flügelmodell · in Altrosa, dem einzigen Farbtupfer der streng in Schwarzweiß gehaltenen Inszenierung, die auch

durch lichtmalerische Schatteneffekte starke Wirkungen erzielt und überdies mit den gekonnt dargebotenen Songs (Musik von Hanns Eisler, Christof Kurzmann und Oliver Stotz) die Ästhetik des

politischen Theaters zitiert.



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Dokument erstellt am 1999-11-08 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 11:14:00


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