• vom 25.05.1999, 00:00 Uhr

Bühne

Update: 08.04.2005, 11:14 Uhr

Festwochen im Volkstheater: P. Zadeks "Hamlet"-Inszenierung

Vom Kinderglauben an Gerechtigkeit




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Von Hilde Haider-Pregler

Für Peter Zadeks neueste "Hamlet"-Inszenierung hätte sich schwerlich ein problematischerer Spielort finden lassen als das Volkstheater. Gewiß läßt sich aus logistischer Perspektive nichts dagegen


einwenden, die als Festwochen-Höhepunkt vorprogrammierte Gemeinschaftsproduktion zwischen Berlin, Straßburg, Zürich und Hannover an Wiens größter Sprechbühne herauszubringen. Aus künstlerischer

Perspektive hingegen sieht die Sache anders aus. Zadek, der unbestrittene Altmeister unkonventioneller, oft drastisch zupackender Shakespeare-Deutungen, fächert diesmal Hamlets Geschichte als

feinziseliertes, sich mit bedächtiger Behutsamkeit entfaltendes Kammerspiel auf. Leise Zwischentöne und subtile Nuancen dringen aber im Volkstheater erfahrungsgemäß nicht bis in die hinteren Reihen

oder zu den Rängen durch. Die im Programmheft nachlesbare Neuübertragung von Elisabeth Plessen · wie gewohnt: klar, schnörkellos, mit einigen neudeutsch-flapsigen Irritationen · war schon in der

ersten Parterre-Reihe auch bei angespanntester Konzentration während des viereinhalbstündigen Abends oftmals akustisch nicht mehr nachvollziehbar.

Wirklich nachvollziehen ließ sich hingegen, warum Zadek die begehrte Titelrolle mit Angela Winkler, seit den siebziger Jahren ein Fixstern am deutschen Theaterhimmel, besetzt hat: In Strumpfhosen,

überweitem Pullover und mit langem, glatten Haar suggeriert sie ein knabenhaftes, gerade an der Schwelle zum Erwachsensein angelangtes Menschenwesen, das nach dem allzu plötzlichen, ungeklärten Tod

des Vaters und dem Verrat der eigenen Mutter schmerzhaft aus dem Urvertrauen des Kindes aufschreckt und überdies staunend und verzweifelt bemerkt, daß sich außer ihm selbst niemand über eine aus den

Fugen geratene Welt empört. Ein vereinsamtes, seiner Bezugspersonen beraubtes oder von ihnen getäuschtes Kind schwankt zwischen Zögern und rächender Tat, die ihm der · sich wie ein Aussätziger von

einst mit Glöckchengebimmel ankündigende · Geist des Vaters (Herrmann Lause) aufträgt.

Diese beiden gegen die Realität opponierenden Geschöpfe sind von (in ihrer Durchschnittlichkeit schreckerregenden) Menschen unseres Jahrhunderts umgeben. Der Usurpator auf dem dänischen Thron · Otto

Sander als eitel-skrupelloser Technokrat · schottet sich mit seinen Höflingen in einem Wellblech-(Mehrzweck)-Container (Bühne: Wilfried Minks) vor der (kriegerischen) Außenwelt ab. Als Königin macht

Eva Mattes überdeutlich, daß sie dem Mörder ihres Gatten nicht nur aus politischem Kalkül die Hand gereicht hat. Ophelia (Annett Renneberg) strahlt in ihrem braven Tanzstunden-Kostümchen der

fünfziger Jahre den ungelenk-verklemmten Charme der (im Grunde an ihrer Wohlerzogenheit leidenden) höheren Tochter, Ulrich Wildgruber bringt als Polonius einige clowneske Töne ein.

Der betuliche Horatio (Klaus Pohl) ist Hamlet wohl nur eine schwache Stütze, und am Ende liefern einander Angela Winkler und Uwe Bohm (Laertes), ehe es ans große Sterben geht, eine atemberaubende

Fechtszene. Und Annett Rennebergs Schlußauftritt als strahlender Sieger Fortinbras läßt daran zweifeln, ob sich die Welt nun zum Besseren wenden wird . . .



Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 1999-05-25 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 11:14:00

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