• vom 07.09.2010, 18:12 Uhr

Bühne

Update: 07.09.2010, 18:47 Uhr

Der Rabenhof bringt mit "Kassbach" eines der politischsten Stücke der letzten Jahre

"Jeder kennt einen Kassbach"




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Von Bernhard Baumgartner

  • Jan und Tibor Zenker bringen den 36 Jahre alten Roman ihres Vaters auf die Bühne.
  • Zeitpunkt vor der Wien Wahl "bewusst gewählt".
  • Wien. Kassbach ist ein Typus jenes Wieners, bei dem man nicht zu Abend essen will: Ein selbstgefälliger Wirt, ausländerfeindlich und brutal. Seine Frau betrügt er mit der schwarz angestellten studentischen Aushilfskraft, Gemeindebauten sind für ihn "Ausländerwohnheime" und von den Türken hält er ungefähr so viel wie Thilo Sarrazin. 36 Jahre ist es her, dass "Kottan"-Erfinder Helmut Zenker seinen Roman "Kassbach" und damit die Karikatur des Wiener Edel-Proleten schuf.

Kassbach (gespielt von Hans Piesbergen) ist Ausländerfeind und Meerschweinchen-Quäler: Helmut Zenkers Roman ist aktuell. Foto: Rabenhof

Kassbach (gespielt von Hans Piesbergen) ist Ausländerfeind und Meerschweinchen-Quäler: Helmut Zenkers Roman ist aktuell. Foto: Rabenhof

Kassbach (gespielt von Hans Piesbergen) ist Ausländerfeind und Meerschweinchen-Quäler: Helmut Zenkers Roman ist aktuell. Foto: Rabenhof

Kassbach (gespielt von Hans Piesbergen) ist Ausländerfeind und Meerschweinchen-Quäler: Helmut Zenkers Roman ist aktuell. Foto: Rabenhof Kassbach (gespielt von Hans Piesbergen) ist Ausländerfeind und Meerschweinchen-Quäler: Helmut Zenkers Roman ist aktuell. Foto: Rabenhof

Nun sind es die beiden Söhne des 2003 verstorbenen Autors, Jan und Tibor Zenker, die den Roman für die Bühne des Rabenhofs, auf der das Stücke heute, Mittwoch, Premiere hat, adaptiert haben.


Ein Stück über den Prototyp des Wiener Alltagsrassisten einen Monat vor der Wiener Wahl, das kann kein Zufall sein. "Das ist selbstverständlich bewusst gewählt", sagt Tibor Zenker im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der Roman sei zwar 36 Jahre alt, aber "der Faschismus ist allgegenwärtig", so Zenker über seine Motivation, dem Kassbach des Jahres 2010 neues Leben einzuhauchen. Das sei auch dringend nötig: "Jeder von uns kennt einen Kassbach irgendwo in seiner Umgebung. Seine Ansichten werden nach wie vor toleriert und gelangen so in die Mitte unserer Gesellschaft", sagt Zenker und verweist auf die "Wiener Blut"-Kampagne der Wiener FPÖ, die ihn jedoch "nicht überrascht hat".

Schlaglichter auswählen

Den Roman des eigenen verstorbenen Vaters zu bearbeiten, sei ihm trotz der emotionalen Nähe nicht schwergefallen: "Wir haben das gut ausgeblendet." Zudem sei die Aufgabe teils auch leichter gefallen, da "man manchmal einfach intuitiv weiß, wie etwas gemeint sein könnte". Viel größer waren die Schwierigkeiten, das Stück in 90 Bühnenminuten zu pressen. "Kassbach ist ja schon von Haus aus schlaglichtartig gebaut. Wir mussten aber noch viel mehr selektieren."

Herausgekommen ist eine sehr starke Konzentration des Stoffes, der in seiner Dichte fast schon naturalistische Züge trägt. Heißt das Zenker goes Büchner? "Das ist notwendig, weil es uns um eine schonungslose Sichtbarmachung des Typus Kassbach geht." Mit einer Beurteilung hält man sich dabei bewusst zurück: "Das ist alleine dem Publikum vorbehalten."

"Etwas gegen Ausländer tun"

Im Text steht zwar Kassbach im Mittelpunkt, es geht aber um die Beziehungen der Figur zu allen anderen: Seinem Freund Erwin etwa, der "etwas gegen die Ausländer etwas tun will" und sich zum Chef einer Bürgergruppe aufschwingt. Zur Kellnerin Liesl, die in Kassbachs Beisl ihr Studium zu finanzieren sucht und gegen ein paar Scheine extra dem lieblos verheirateten Chef auch privat zu Diensten ist. Oder seinem Sohn Georg, dem er die Flausen des Soziologie-Studiums zugunsten einer kaufmännischen Ausbildung austreiben will ("Ich zahls ja schließlich!"), und der handgreiflich wird, als der Sohn eingeraucht nach Hause kommt. Kassbach ist gleichermaßen angriffig und übergriffig und wird zuletzt auch mörderisch, wenn es ihm mit den "Kanaken" zu viel wird.

Wobei Tibor Zenker für die Verbreitung des Alltagsrassismus bei Mitläufern der Marke Kassbach mitunter auch Verständnis aufbringen kann: "Wenn der Kleinbürger sich bedroht fühlt, bekommt er Angst, dass seine Welt zusammenbrechen könnte." Daher sei es auch die Aufgabe des Staates, die Existenz zu sichern, damit niemand Angst vor der Zukunft haben muss: "Das ist die beste Prävention, um den Leuten die Angst zu nehmen."

Ob das Rabenhof-Publikum dabei der richtige Ansprechpartner ist? "Ich bin schon sicher, dass wir da einiges aufbrechen können", meint Zenker. Dass sich ein Teil des Publikums davon betroffen fühlen wird, nimmt er dabei auch in Kauf: "Mein Wunsch wäre es, dass die Leute nachher davon reden und vielleicht als Multiplikator wirken", sagt Zenker. Womit wir wieder bei der Wiener Wahl wären.

Karten: www.rabenhof.at



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-09-07 18:12:00
Letzte Änderung am 2010-09-07 18:47:00

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