Salzburg. Vier Personen schickt Roland Schimmelpfennig zum Geschichtenerzählen in seiner Novität "Die vier Himmelsrichtungen" auf eine Tiefbaustelle. Dort verrostet eine Baggerschaufel im nackten Sand. Doch wie am Strand, wenn die Flut zurückgeht, beginnt sich rasch Theaterleben zu regen. Nacheinander treten Kathleen Morgeneyer, Andreas Döhler, Ulrich Matthes und Almut Zilcher zum Textvortrag auf ein Podium. Sie reichen epische Motive weiter wie im Jazz. Ihre Soli begleiten sie mit einem Mehr in Mimik und Gestik wie die Alleinunterhalter auf Jahrmärkten, Volksfesten. Urtheatralisch also, und dabei von akademischer Überperfektion.

Den romantischen Theaterzauber treibt der Autor als sein eigener Regisseur auf die Spitze, wenn er es regnen und schneien lässt. Bengalische Feuer explodieren, Platzpatronen knallen, Kunstblut spitzt. Schließt man indes die Augen, meint man sich ins surreal ausufernde Hörspiel der Sechzigerjahre zurückversetzt. Hinreißende Sprechkunst, die jede Silbe vor dem Alltagston bewahrt. Sprachmusik, die Raum, Zeit und Sinn aufhebt.

Wo sind wir? Weit weg. Ein Kofferradio plärrt lateinamerikanisch. Aus Mexiko - das sagt uns der meistgespielte Dramatiker deutscher Zunge in Interviews - habe er die Anregung für den Schausteller in weißer Maske mit blauer Schminkzunge links neben dem Mund heimgebracht, welcher für Kinder Quetschtiere aus Luftballonwürsten formt. Der Glückspilz fand 400 Kartons voll Gummiware in einem Straßengraben und baute sich damit buchstäblich eine Luftexistenz auf. Der Camionfahrer, dem die Ladung in einer Kurve vom Hänger rutschte, tauchte unter, kaufte einen Revolver und orientierte sich neu: als Gangster, Verwalter eines Schlachthofs und Familienvater. Den Luftkunstclown schlägt er tot. Doch kein Glück mit der Kunst.

Kreationen aus nichts als körperwarmem Odem: eine kitschig-schöne Metapher für alle Kunst. Der so erfinderische wie routinierte Schimmelpfennig ist im Haschen nach Bezüglichkeiten, im Anrühren von Mythencoctails kaum zu schlagen. Aus allen Himmelrichtungen der Kunstgeographie kommen die Zutaten. Die Melancholie des traurigen Clowns (Matthes) und der Road-Movie-Einsamkeit schmeckt er mit Altgriechenland ab. Darum fügen sich die Lichtpünktchen am Salzburger Bühnenhimmel (Ausstattung: Johannes Schütz) zum Sternbild des Perseus. Der brachte die schreckliche Medusa um ihr schlangenhaariges Haupt. Hier aber wird sie geküsst – in Person einer Serviermaid, die mit ihrem Liebsten vor einem Riesenrad steht und ganz richtig bemerkt: "Es fährt dich hoch, aber es fährt auch wieder runter". Stetig werden die biographischen Geschichten der Vier im dramatischen Verwirraggregat neu hochgefahren - immer ein bisschen anders verknüpft, einmal larmoyant, ein andermal in Zirkusseligkeit.

In der Figur der zigeunerisch-schwarz gewandeten Wahrsagerin (Zilcher), die er "Madame Oiseau" nannte, verrät Schimmelpfennig Nähe zu Maurice Maeterlinck – in seinen stockenden, abreißenden, realitätsverweigernden Monologen wie im "Eindringling" (1891), in den märchenhaften Symboltieren und den Elementen Wasser, Licht, Feuer im "Blauen Vogel" (1908). Hofmannsthal, später ein Salzburger Festspielvater, machte diesen Pionier der Moderne in Berlin und Wien bekannt.

Beim Nachlesen sind gewiss noch hundert andere Partikel zu isolieren, die Schimmelpfennig zitiert, angespielt, mitinszeniert hat. Bildungsbrimborium in Spielfilmlänge ohne Pause, in kostenschonend kleiner Besetzung und Kulisse, mit Brisen von Action und Sex gegen Ermüdungserscheinungen, ist in jedem zweiten Stadttheater willkommen. Nach Salzburg locken nur die Schauspieler.  

Die vier Himmelsrichtungen

Von Roland Schimmelpfennig (Buch und Regie)

Mit Ulrich Matthes, Kathleen Morgeneyer, Andreas Döhler, Almut Zilcher

Salzburger Festspiele, Landestheater

Koproduktion mit dem Deutschen Theater, Berlin

Wh. bis 6. August