Wien.

Andrea Eckert: "Dass man sich den Weg durchs Leben erkämpfen muss, trifft in gewisser Weise auch auf mich zu." - © Robert Strasser
Andrea Eckert: "Dass man sich den Weg durchs Leben erkämpfen muss, trifft in gewisser Weise auch auf mich zu." - © Robert Strasser
"Du bleibst bei mir. Jetzt und weiterhin!" Der couragierten Weisung der Wiener Schauspielerin Dorothea Neff folgte eine schicksalsschwere Entscheidung: Die Akteurin versteckte zwischen 1941 und 1945 ihre jüdische Geliebte Lilli Wolff - und riskierte damit ihrer beiden Leben.

Der Volkstheater-Doyenne Dorothea Neff ist das Stück "Du bleibst bei mir" gewidmet. Die Uraufführung des Auftragswerks von Felix Mitterer, aus dem das Eingangszitat stammt, findet am 9. September im Haus am Weghuberpark statt, wenige Wochen nach ihrem 25. Todestag (1903- 1986). Das Drama koppelt gekonnt Zeit- und Theatergeschichte - eine auf der Bühne selten dramatisierte Kombination. Im Zentrum der Handlung stehen die Jahre der NS-Zeit; der Tiroler Dramatiker und Drehbuchautor ("Tatort") berichtet darin vom täglichen Überlebenskampf und der bitteren Not - die beiden Frauen müssen mit nur einer Lebensmittelkarte auskommen - sowie der ständigen Angst, entdeckt und verraten zu werden. Neff, die Hauptfigur des Abends, wird von Andrea Eckert verkörpert, die damit zum ersten Mal in der Direktion Schottenberg wieder am Volkstheater auftritt. Martina Stilp spielt Lilli Wolff, Michael Sturminger inszeniert.

"Dorothea war ein maßgeblicher Mensch für mich", erinnert sich Eckert im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Von 1978 bis 1981 nahm sie Schauspielunterricht bei Neff und deren Lebensgefährtin Eva Zilcher, die auch im Stück vorkommt. "Die beiden Damen haben zusammengelebt und gemeinsam unterrichtet. Was mich erstaunt und beeindruckt hat: Sie interessierten sich auch für mich als Mensch, sie setzten sich für mich ein. Dass künstlerische und menschliche Entwicklung zusammengehören, war ihnen ein Anliegen."

1979 wurde Neff für ihre Tapferkeit während der NS-Zeit geehrt: Nur 88 Zeugen des NS-Regimes aus Österreich dürfen den Ehrentitel "Gerechte unter den Völkern" tragen, welcher von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem vergeben wird - Dorothea Neff ist eine davon. Die Auszeichnung habe die Schauspiellehrerin "aufgewühlt und sehr bewegt", so Eckert. "Sie war in dieser Zeit nervlich nicht mehr sehr belastbar, das hatte sowohl mit den Belastungen der Jahre mit Lilli Wolff zu tun als auch mit ihrer Erblindung. Sie war dünnhäutig und zugleich radikal - im Leben wie in der Kunst."

Courage und Mitgefühl


Neff war eine gefeierte Schauspielerin, das Wiener Nachkriegstheater prägte sie entscheidend. 1963 trat sie etwa als Mutter Courage am Volkstheater auf - und durchbrach damit in der Regie Gustav Mankers den Brecht-Boykott, der damals in Wien als Folge des Kalten Kriegs geherrscht hatte. Ihre Willensstärke stellte Neff erneut unter Beweis, als sie in den 60er Jahren ihr Augenlicht verlor und gegen Ende ihrer Karriere nur noch blind auftreten konnte. Eckert über ihre Lehrerin: "Sie war die kritischste Zuhörerin. Sie wollte, dass man wirklich zum Kern einer Figur vordringt. Und diese Suche nach dem Wesen einer Rolle ist mit mehr oder weniger Erfolg die Basis meiner Arbeit geblieben."

Die Rolle der Neff fügt sich nun idealtypisch in das Eckertsche Repertoire - die Schauspielerin wird ohnedies häufig für starke Frauenrollen engagiert: Penthesilea, Maria Callas, Judith, Gertrud. "Dass man sich den Weg durchs Leben erkämpfen muss, weil man als Einzelgängerin mit seinen Erfahrungen, Ängsten, Sehnsüchten und Wünschen in großer Distanz zum tradierten Frauenbild lebt, das trifft in gewisser Weise auch auf mich zu."

"Würde man heute im Sinne Dorothea Neffs leben und handeln wollen", grübelt Eckert abschließend, gäbe es "viele Momente, wo man laut sagen müsste: Schluss jetzt! Das geht so nicht. Ich denke etwa an die Asylpolitik unserer Regierung. Courage und Mitgefühl hatte Dorothea im höchsten Maß. Daran mangelt es heute oft."