Alles ist hin: Maria Happel als hennarote Marthe will den Krugzerstörer ausfindig machen. Michael Maertens ist der korrupter Dorfrichter Adam, der sich hier als smarter und scheinbar unangreifbarer Lokalpolitiker wähnt - und dann doch gegen sich selbst ermitteln muss. - © APA/HERBERT NEUBAUER
Alles ist hin: Maria Happel als hennarote Marthe will den Krugzerstörer ausfindig machen. Michael Maertens ist der korrupter Dorfrichter Adam, der sich hier als smarter und scheinbar unangreifbarer Lokalpolitiker wähnt - und dann doch gegen sich selbst ermitteln muss. - © APA/HERBERT NEUBAUER

Im Hintergrund eine hochragende, düstere Bretterwand, davor eine rechteckige, grellweiß strahlende Spielfläche, umgeben von morastigem Gelände. Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann setzt in seiner Inszenierung von Kleists Lustspielklassiker "Der zerbrochene Krug" im Bühnenraum von Stéphane Laimé auf starke, unmissverständliche Signale, ohne der Gefahr einer plakativen Aktualisierung zu erliegen. Auch ohne Eingriffe in Kleists Verssprache ist in der altbekannten Geschichte vom korrupten Dorfrichter Adam, der gegen sich selbst ermitteln muss, die mehr oder minder unmittelbare Gegenwart präsent.


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In diesem Konzept hat das herkömmliche Bild eines dickbäuchigen, bauernschlauen Dorfschulzen mit Hinkefuß, wie ihn Klaus Maria Brandauer in Peter Steins Berliner Genrebild-Produktion (2008) bravourös charakterisierte, keinen Platz. Michael Maertens zeigt stattdessen die facettenreiche Persönlichkeit eines smarten, sich unwiderstehlich und unangreifbar wähnenden, eitlen Lokalpolitikers, dem dank orthopädischer Schuhe sein körperliches Gebrechen kaum anzumerken ist.

Niemand bleibt sauber


Umso peinlicher ist es daher, dass sich ausgerechnet im ungünstigsten Moment der Gerichtsrat Walter aus Utrecht zur Revision der (keineswegs lupenreinen) Gemeindefinanzen vor der Tür steht. Pflegt doch Adam gerade seine Verletzungen, die er sich nächtens nach einem unwillkommenen Besuch bei der jungen Eve (Yohanna Schwertfeger) bei seiner überstürzten Flucht zugezogen hat. Zu allem Überfluss ging dabei ein wertvoller Krug zu Bruch. Eves Mutter Marthe, die Eves Verlobten Ruprecht (Peter Miklusz) als Übeltäter verdächtigt, zerrt nun diesen vors Gericht und Adam muss nolens volens die Verhandlung führen. Unter den gestrengen Blicken des (angeblich) gesetzestreuen Gerichtsrates - Roland Koch als perfekter Bürokrat - muss Adam einen hohen, vom Schnürboden herabgesunkenen (Schieds-)Richterstuhl erklimmen und gerät beim Versuch, jeden Verdacht von sich abzulenken und irgendjemand für die Schuld haftbar zu machen, mit den unglaublichsten Ausreden immer tiefer in die Bredouille.

Doch die energische Marthe - großartig: Maria Happel mit hennarotem Haar, Minirock und Netzstrümpfen -, besorgt um den guten Ruf ihrer Tochter und voll Empörung über den Verlust des Familienerbstücks, lässt nicht locker, sodass die Verhandlung schließlich in eine regelrechte Schlammschlacht ausartet, bei der niemand von den Beteiligten sauber bleibt.

Clowneske Komik


Als unauffällig-intriganter Karrierist, der sich dem jeweils Mächtigen devot andienert, beweist Juergen Maurer als Schreiber Licht starke Bühnenpräsenz.

Nach Adams Entlarvung steht dem Happyend nichts mehr im Wege: Der Missetäter macht sich leichtfüßig aus dem Staub, Eve bekommt ihren Ruprecht und kann ihn dank eines (vielleicht nicht ganz uneigennützig vermeinten) Geldgeschenks des Gerichtsrates sogar vom drohenden Militärdienst freikaufen.

Und am Ende gab es stürmischen und lang anhaltenden Applaus für einen erfrischenden, manchmal allzu sehr clowneske Komik hervorkehrenden Theaterabend.

Theater

Der zerbrochene Krug

Von Heinrich von Kleist

Regie: Matthias Hartmann

Mit Michael Maertens, Maria

Happel, Juergen Maurer,

Roland Koch

Akademietheater

Wh.: 14., 16., 23. September