Wien.

Robert Carsen in allen Gassen: Der Regisseur hat für die Oper Filme gedreht und sich erstmals um die Ausstattung gekümmert.
Robert Carsen in allen Gassen: Der Regisseur hat für die Oper Filme gedreht und sich erstmals um die Ausstattung gekümmert.
Eine Robert-Carsen-Regie im Theater an der Wien: Das ist ungefähr so überraschend wie die traditionelle Schnitzler-Präsenz in Reichenau. Aber auch dieser Robert Carsen ist ja eine Erfolgskonstante. Monteverdi, Mozart oder Poulenc an der Wien: Keine Opernepoche, die bei ihm nicht charismatisch Raum greift. Freilich reüssiert der Kanadier nicht nur hier. Demnächst drechselt er der Mailänder Scala einen neuen "Giovanni". Und jenseits der Opernwelt werkt er neuerdings als Ausstellungsdesigner, mit prestigeträchtigen Projekten in Paris. Carsens Auftragslage, man hört es im Interview, sie ist ziemlich rosig.

Das hindert ihn aber nicht, sein Arbeitspensum am Theater an der Wien derzeit hochzuschrauben. Für Benjamin Brittens "The Turn of the Screw" (die erste Carsen-Regie am Haus, die ihre Weltpremiere auch hier feiert) hat der Kanadier zudem Filme inszeniert, mischt erstmals bei der Ausstattung mit. Die Überschaubarkeit der Kammeroper (nur sechs Figuren) hat ihn dazu animiert. Aber: "Das ist doch sehr schwer zu gestalten, weil es 17 Szenen sind - und das in nur eineinhalb Stunden Oper."

Die Angst vor Sex


Nicht die einzige Tücke. "The Turn of the Screw", 1954 uraufgeführt, strotzt ebenso vor Vieldeutigkeiten wie die gleichnamige Novelle Henry James’: Eine Gouvernante soll am Land zwei Kinder hüten - und wähnt diese bald von Geistern bedroht und verdorben. Psychologische Wahn-Studie? Oder Gruselgeschichte? Rund 100 Jahre hat sich die Literaturwissenschaft abgearbeitet und selbst feministische, marxistische Lesarten produziert. Carsen lacht: "Eine marxistische werden Sie von mir sicher nicht kriegen." Die Stärke des Stücks läge ja eben darin, was man nicht wisse. Auch auf der Opernbühne soll dieser Zauber der Vieldeutigkeit gedeihen. Zwar ist es für Carsen ein Faktum, dass die Gouvernante Geister sieht: Einen verblichenen Diener kann sie dann ja genau beschreiben. Die Vieldeutigkeit beginne aber, "wenn sie sich fragt, was der Geist will - und zum Schluss kommt, dass er die Kinder verderben will". Ein Gedanke, auf den die Frau aber nicht von Ungefähr kommt: Für Carsen ist sie "eindeutig eine Jungfrau. Wie diese Hitchcock-Mädchen hat sie immer Angst vor Sex." Umso heftiger kämpft sie mit dubiosen Gegnern.

Wirkmacht entfacht dabei freilich Brittens Musik - ein charismatischer Mix aus Tonalem und Atonalem, in dem das Böse just mit der himmlischen Celesta naht, vor allem aber: ein Meisterstück der Verknappung. Carsen: "Britten hat diese Art, mit kleinster Instrumentalgeste alles zusammenzufassen. Einfach brillant mit nur 13 Orchestermusikern." Zu hören ab heute Abend mit einer schmalen Delegation des RSO Wien.

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