Peter Simonischek und Dörte Lyssewski. - © Georg Soulek .Burgtheater .Fotos bei Nennung des Fotografen für die aktuelle Berichterstattung freigegeben.
Peter Simonischek und Dörte Lyssewski. - © Georg Soulek .Burgtheater .Fotos bei Nennung des Fotografen für die aktuelle Berichterstattung freigegeben.

"Finde das Stück gut - ja möglicherweise zu gut für einen Theatererfolg", notierte der Dramatiker in seinem Tagebuch. Arthur Schnitzer irrte; bei der Uraufführung 1911, die zugleich an neun Bühnen stattfand, geriet "Das weite Land" zum überwältigenden Erfolg - und hält sich seitdem unbeirrt auf den Spielplänen.

Das Stück über Liebesverrat und Eifersucht hat in den vergangenen Dekaden nichts an Aktualität eingebüßt: Das Gesellschaftsdrama diagnostiziert, gnadenlos und schneidend, die Flucht aus der ehelichen Gemeinschaft in die Tristesse heimlicher erotischer Affären.



Neue Lesart


Obwohl Schnitzler "Das weite Land" ausdrücklich als Tragikomödie bezeichnete, wird es - ähnlich wie bei etlichen Dramen Tschechows - üblicherweise als psychologisch fein ziseliertes, meist schwermütig angehauchtes Melodram inszeniert.

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis, in Wien bereits durch herausragende Festwochen-Gastspiele ("The Sound of Silence") bekannt und auch regelmäßig als Regisseur am Burgtheater tätig ("Platonow"), bietet im Haus am Ring nun allerdings eine fundamental neue Lesart: Aus dem Salondrama versucht Hermanis einen Kriminalfall im Stil des Film noir zu destillieren.

Grau in grau


Ein Coup mit Überraschungseffekt. Auf der Drehbühne des Burgtheaters sind in Hermanis’ Version des Schnitzler-Klassikers abwechselnd Räume einer Luxuswohnung zu sehen, allesamt mit Art-déco-Möbeln der vierziger Jahre möbliert - und farblich grau in grau gehalten.

Detailversessen und in Finessen verliebt, verbannt Hermanis als Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion die Farbe von der Bühne, bis hin zu weißblonden Perücken, schwarzem Lippenstift, grauem Rouge und schwarz lackierten Fingernägeln. Mit dem S/W-Zugang zum Stück glücken dem Theatermacher berückende optische Momente, zudem erzeugt die fast durchgängige Musikuntermalung mittels Jazzrhythmen und gekonnt eingesetzter Soundeffekte den Eindruck lauernder Gefahr der klassischen Krimifilme.

Das Problem dabei: Man wartet knapp vier Stunden lang buchstäblich auf den großen Knall, der hier zwangsläufig ausbleiben muss. "Das weite Land" bietet zwar gleich drei Leichen (Bergsteigerunfall, Selbstmord, Duell), und die Verstorbenen geben den Lebenden auch Rätseln auf - jedoch sind die Schnitzlerschen Handlungsabläufe Lichtjahre von jedem wirklichen Krimi entfernt. Auf der Bühne werden mit viel Aufwand Nebenstränge aufgebauscht und zugespitzt, das eigentliche Drama des Dramas - die Auflösungstendenzen sämtlicher zwischenmenschlicher Beziehungsstrukturen - wird dagegen weitestgehend ausgeblendet.

Altbackener Pin-up


Der für seine Personenführung bekannte Regisseur schwört in seiner jüngsten Arbeit sein 19-köpfiges Ensemble auf gestelzte Posen und künstliches Getue ein. Besonders drastisch wirkt sich diese Vorgabe bei den Protagonisten Friedrich und Genia Hofreiter aus: Dörte Lyssewski gleicht einem Abziehbild von Lauren Bacall in "


Haben und Nichthaben", wobei weder ihr Text zu der intendierten Deutung als Femme fatale passt noch die altbackenen Pin-up-Posen, die sie wiederholt einnehmen muss. Bei Peter Simonischek wird man wiederum den Eindruck nicht los, dass sein Friedrich Hofreiter, bekanntlich das Epizentrum des Stücks, in der Inszenierung erst gar nicht heimisch wird, im eleganten Ambiente eher vierschrötig - und gleich bei seinem ersten Auftritt unfreiwillig Lacher erntet.

"Die Seele ist ein weites Land." So lautet die wohl bekannteste Textzeile von Arthur Schnitzler Drama. In Alvis Hermanis’ Inszenierung gleicht das Gefühlsleben einem akkurat gestutzten Gärtchen.