• vom 27.09.2011, 19:11 Uhr

Bühne

Update: 27.09.2011, 19:12 Uhr

Helmut Qualtinger

"Er war eine grantige Instanz"




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Von Petra Rathmanner

  • Anlässlich von Helmut Qualtingers 25. Todestag am 29. September wird die Kultfigur verstärkt umkreist
  • Neue Facetten im Leben und Werk des Wiener Originals.
  • Helmut Qualtinger, ein aufsässiger Intellektueller und Melancholiker.

Helmut Qualtinger (hier im Café Goldegg) war ein begnadeter Dilettant, der nichts gelernt hatte und alles konnte. - © ORF

Helmut Qualtinger (hier im Café Goldegg) war ein begnadeter Dilettant, der nichts gelernt hatte und alles konnte. © ORF

Wien. "Er war eine grantige Instanz", nähert sich der Schriftsteller Georg Biron im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" einer Ikone. "Unbestechlich und wahrhaftig, bis heute unnachahmlich. Er hat sich nie angebiedert, weder beim Publikum noch bei Institutionen. Für mich ist das Ausdruck einer gesellschaftspolitischen Haltung."

Helmut Qualtinger starb 57-jährig am 29. September 1986. Das Phänomen Qualtinger, von dem Biron mit Bewunderung spricht, wird aus Anlass des 25. Todestags des Satirikers und Schauspielers nun wieder verstärkt umkreist.

Information

Buchtipp

Georg Birons Einführung in Helmut Qualtingers Leben und Werk konzentriert sich auf die Rezeption der berühmten Bühnenfigur Herr Karl. Der Monolog wurde übrigens vor 50 Jahren zum ersten Mal im Fernsehen ausgestrahlt.

Georg Biron: Quasi Herr Karl. Helmut Qualtinger – Kultfigur aus Wien. Braumüller Verlag: Wien, 2011, 219 S, € 24.90.

Der Autor veranstaltet eine Lesung mit Karlheinz Hackl, Hanno Pöschl u.a. in der Komödie am Kai, am 2. und 3. sowie 9. und 10. Oktober, 19.30 Uhr, Karten: 01/533 24 34.

Link
komoedieamkai.at

Programmtipps

1. Oktober: André Hellers ORF-Filmporträt "Qualtinger" läuft auf 3sat um 21.50 Uhr.
26. Oktober: Der Fernsehkrimi "Mann im Schatten" (1961), mit Helmut Qualtinger, ist auf 3sat um 14.10 Uhr zu sehen.
5. November: In der Sendung "Herr Karl wird 50" spricht Moderator Gerhard Tötschinger im RadioKulturhaus mit Zeitzeugen wie Louise Martini über die berühmte Bühnenfigur. Ausgestrahlt wird die Aufzeichnung auf ORFIII um 22.10 Uhr. Im Anschluss daran, um 23.15 Uhr, wird Helmut Qualtingers 50er Jahre Kabarettprogramm "Dachl über’m Kopf" gezeigt.


Biron etwa publiziert mit "Quasi Herr Karl" bereits seine zweite biografische Qualtinger-Studie; in "Quasi Herr Karl" widmet sich Biron ausführlich Qualtingers wohl berühmtester Bühnenfigur. Mehrspartenartist André Heller, der mit Qualtinger einst eng befreundet war, lässt in seiner Fernsehdokumentation "Qualtinger" neben künstlerischen Weggefährten auch intime Freunde des Wiener Kulturkolosses zu Wort kommen. In Gesprächen mit den beiden Ehefrauen Qualtingers - der Kinderbuchautorin Leomare Seidler und der Schauspielerin Vera Borek - sowie Sohn Christian kommen in der Hommage auch private Facetten des Künstlers zu Sprache.

Buch wie Film betreiben keineswegs schlichte Denkmalpflege, sondern würdigen Mensch und Werk - ein neuer Zugang in der Qualtinger-Rezeption. Lange Zeit war der Blick auf den Kabarettisten, der mit dem Spaß Ernst machte, von Anekdoten und Legenden verstellt, Fakt und Fiktion waren dabei kaum zu trennen: der Unruhegeist als Wiener Original. Qualtinger selbst wirkte an der Selbstinszenierung zum Till Eulenspiegel Wiens zudem heftig mit, indem er selbst aberwitzige Geschichten in Umlauf brachte. Jene mit hohem Absurditätsfaktor stimmen mit großer Wahrscheinlichkeit.

Till Eulenspiegel Wiens
Zwei Beispiele: Unmittelbar nach Kriegsende heftete sich der damals 17-Jährige einen Sowjetstern an die Brust, ernannte sich zum Kulturkommissar - und versuchte eine Villa für die Gründung eines Theaters zu beschlagnahmen. (Die Aktion brachte ihm übrigens drei Monate Gefängnis ein.) 1951 erlangte er lokale Popularität, indem er eine Zeitungsente lancierte, in der Qualtinger den Besuch eines berühmten Eskimodichters ankündigte. Wer sich schließlich den Reportern präsentierte, war Qualtinger selbst, vermummt im Pelzmantel und mit buchstäblich eiskalter dichterischer Attitüde. Für seine practical jokes war er berüchtigt. Gern meldete er sich telefonisch bei Freunden und versprach ihnen mit verstellter Stimme das Blaue vom Himmel.

Zur Bühne zog es Qualtinger bereits früh, wobei seine Karriere äußerst schleppend begann. Nach ersten Gehversuchen an einer Studentenbühne wird 1949 sein erstes eigenes Stück, das Halbstarkendrama "Jugend vor den Schranken", uraufgeführt. Erst in den 50er Jahren beginnt Qualtingers kometenhafter Aufstieg im Kabarett. Programme wie "Brettl vorm Kopf", "Blattl vorm Mund" und "Glasl vorm Aug", allesamt Titel, die in Wien längst Teil der Volkssprache sind, werden vom Publikum regelrecht gestürmt; Lieder wie "Der gschupfte Ferdl", "Der Halbwilde" oder "Der Papa wird’s schon richten" sind in Qualtingers Interpretation zum Volksliedgut avanciert. Die beachtliche Popularität wird auch durch gezielte Mehrfachverwertungen der Kabarettnummern möglich - Qualtinger arbeitete damals regelmäßig für den Rundfunk, das Fernsehen und den Film, er verfasste Zeitungskolumnen (von 1955 bis 1965 erschienen im "Kurier" die Glosse "Blattl vor’m Mund") und produzierte über 30 Schallplatten.

"Das Fernsehkabarett wird ein Straßenfeger und erfüllt damit stellvertretend die Funktion einer räsonierenden kritischen Öffentlichkeit", wird Iris Fink, Leiterin des Österreichischen Kabarettarchivs, in Birons Qualtinger-Buch zur Blütezeit des heimischen Kabaretts zitiert. Und Qualtinger ist die Paradefigur für ein anderes Österreich. Seine überlieferte Reaktion auf die TV-Erfolge: "Sie haben eine Hetz haben wollen. Sie haben zug’schaut und g’sagt: Jojo, so san mir! - und haben g’lacht. A Hetz halt." Als Zeitzeuge bringt der Bildhauer Alfred Hrdlicka Qualtingers Bedeutung als Kabarettist auf den Punkt: "Er hat den Leuten den Spiegel vorgehalten, sie haben sich darin gesehen, haben sich aber nicht erkannt. Kapiert haben sie nichts. Bei aller Volkstümlichkeit blieb Qualtinger der aufsässige Intellektuelle."

Anno 1960 löst sich die Gruppe um Gerhard Bronner, Carl Merz, Georg Kreisler und Louise Martini auf, Qualtinger startete seine Solokarriere. "Er war kein Schwätzer. Er hat gehandelt und am Höhepunkt seiner Kabarettzeit aufgehört", erinnert sich Vera Borek im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Das trauen sich nur wenige, noch einmal ganz neu anzufangen. Er war darin rigoros." Mit dem ersten Soloprojekt, dem mit Carl Merz verfassten Radikalmonolog "Der Herr Karl", gelang Qualtinger zugleich sein größter Triumph. 1961 als Fernsehspiel in der Regie von Erich Neuberg ausgestrahlt, löst die Lebensbeichte des Lagerarbeiters enormes Publikumsecho aus. Wie sich die Figur in der Abfolge verschärfter Krisenstationen - Zwischenkriegszeit, NS-Regime, Besatzungsjahre - als Wendehals, Schmarotzer und Schlawiner durchschlägt, erntete gleichermaßen Entrüstung und Beifall.

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Dokument erstellt am 2011-09-27 16:06:08
Letzte Änderung am 2011-09-27 19:12:28


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