Jérôme Savary, seit den Tagen seines "Grand Magic Circus" als polyglotter Theatermagier gefeiert, beschäftigt sich erst seit kurzem mit Ferdinand Raimunds Zaubermärchen. Genauer gesagt: seit seinem Raimund-Debüt mit "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" im Vorjahr. Nun steht mit "Der Verschwender" im Niederösterreichischen Landestheater Savarys jüngste Raimund-Produktion auf dem Programm, die nach ihrer Sommer-Premiere in Baden für die St. Pöltner Bühne neu eingerichtet und überarbeitet wurde.

Unbeeinflusst von hiesigen Aufführungskonventionen sieht Savary in dem Klassiker der Altwiener Komödie einen Vorboten der Moderne, dessen Werke bereits auf Tendenzen des 20. Jahrhunderts bis hin zum Theater des Absurden verweisen. Im witzig-praktikablen Bühnenraum (Jérôme Savary und Hannah König) setzt er seine Lesart in eine rasante Fülle phantasievoller Theaterbilder um, teils eindeutig und plakativ, dann wieder mysteriös-unheimlich, zwischendurch auch verspielte Nonsens-Einschübe. Raimunds Besserungsstück wird zum Showbiz aus einer Glitzerwelt (mit einem Sound-Mix von Puccini bis Rock, Rap und Zitaten aus Kreutzers Originalmusik), wo die Grenzen zwischen der Realität und dem Geisterreich aufgehoben sind.

Der immens reiche Flottwell (Wolfgang Seidenberg), der sein Familienerbe gedankenlos vergeudet, beinahe als Bettler endet und nur dank metaphysischer Mächte zur Einsicht und neuem Wohlstand kommt, bemerkt gar nicht, dass er Opportunisten und bestechlichen Profiteuren vertraut: Die Party- und Jagdgesellschaft ist unverkennbar heutig. Heinz Zuber zum Beispiel – großartig in seiner Schwärmerei für "la nature" in Gestalt des gichtigen Holzweibleins (Christine Jirku) – hat als Chevalier Dumont in Aufmachung und Pose an Karl Lagerfeld Maß genommen.

Auch das biedermeierliche Kleinfamilien-Idyll wird amüsant relativiert, wenn das von Flottwell wenig freundlich behandelte Dienstbotenpaar – Boris Eder als erfrischend unsentimentaler Tischlergeselle Valentin und Antje Hochholdinger als hantige Rosa - gegen Ende seine Kinderschar in einen handfesten Ehekrach involviert.

Freudianisch mutet die Doppelbesetzung von Flottwells Braut Amalie und der ihn liebenden Fee Cheristane (bravourös in beiden Rollen: Katharina von Harsdorf), die ihm in all seinen Fährnissen einen guten Geist als temporäres Alter Ego zur Seite stellt: Der nur für seinen Schützling wahrnehmbare Azur (Matthias Rheinheimer als David Bowie-Kopie) nervt diesen zwar als gnadenlos-aggressiver Bettler, rettet aber derart einen Großteil von Flottwells Vermögen.

Schlusspunkt: Jackpot im Automaten-Casino, vom Schnürboden-Himmel ergießt sich ein Wertpapier-Regen über Flottwell, der nun, was sein irdisches Leben anbelangt, aller Sorgen enthoben ist. Die Glücksfee wird im Altpapiercontainer hinausgekarrt. Doch ihre – oder Amalies? – Stimme versichert, dass der geläuterte Prasser auf ein Liebesrecycling im Feenreich hoffen darf.