"Nicht weinen, nicht das, Sugar. Kein Kerl ist das wert" - das Bild zeigt, wie im brut Konzerthaus eine Szene aus Billy Wilders Gender-Komödie "Manche mögen’s heiß" gedreht wird. - © Edward Chapon / Edward Chapon
"Nicht weinen, nicht das, Sugar. Kein Kerl ist das wert" - das Bild zeigt, wie im brut Konzerthaus eine Szene aus Billy Wilders Gender-Komödie "Manche mögen’s heiß" gedreht wird. - © Edward Chapon / Edward Chapon

Wien hat seit kurzem ein neues Filmstudio. Das Besondere an der Traumfabrik: Jeder kann hier zum Filmstar werden. Der Drehort befindet sich in der brut-Spielstätte im Konzerthaus und ist noch bis Freitag, 14. Oktober, täglich ab 21 Uhr geöffnet, die Abschlussgala ist am Samstag, 15. Oktober, um 22 Uhr. Als Filmcrew fungiert das Performancekollektiv God’s Entertainment; die zehntägige Nonstop-Veranstaltung läuft unter dem Titel "Man bleibt ein Leben lang bei God’s Entertainment". 

"Wir machen kein klassisches Theater", sagt Boris Ceko, ausgebildeter Sanitäter und Theaterwissenschaftsstudent, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Vor fünf Jahren gründete Ceko das Kollektiv mit, das im Kern aus fünf Personen im Alter von Anfang bis Mitte 30 besteht - und zu dem mehr als zehn Künstler in einem ständigen Nahverhältnis stehen. "Wir kommen aus unterschiedlichen Ländern und Schichten", so Ceko weiter. "Bei uns gibt es keinen Leader, keine Hierarchie. Wir arbeiten als Kollektiv", ergänzt der gelernte Tischler und derzeitige Architekturstudent Simon Steinhauser. "Jeder stellt hier seinen Ego-Trip hintan", ergänzt Maja Degirmendzic, die ebenfalls zum Ensemble zählt: "Schließlich sind wir Freunde und kennen uns lange."

Die Anfänge von God’s Entertainment liegen im Straßentheater. Mittlerweile geht das interkulturelle Team im gesamten deutschsprachigen Raum auf Tournee, absolviert Auftritte bei maßgeblichen Festivals in Wien, Zürich sowie Berlin und hat über 40 Produktionen im Repertoire. Mit der jüngsten Aufführungsreihe im brut Konzerthaus zielt die Truppe vor allem auf einen hohen Spaßfaktor ab.

Zum Schauspieler wird man hier im Handumdrehen: Man sucht sich im Foyer des Kellertheaters am Laptop der Casting-Managerin Degirmendzic einen von 30 vorbereiteten Filmclips aus; zur Auswahl stehen Klassiker ("Some like it hot") oder Hollywoodware à la "Shining", "Flash Dance", "Pulp Fiction" - oder, wie am Eröffnungsabend, "Dirty Dancing": Zwei Neo-Schauspieler betreten den Bühnenraum, werden geschminkt, bekommen Kostüme verpasst. Nach dem Karaoke-Prinzip wird das Original-Setting der Kinoromanze täuschend ähnlich auf eine Leinwand projiziert. Mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit lassen sich die Spaß-Akteure in weiterer Folge auf das schweißtreibende Spiel vor der Kamera ein, das für die übrigen Besucher live ins Foyer übertragen wird. Am Ende der wenige Minuten dauernden Aufnahme fallen sich die Akteure in die Arme - Patrick Swayze und Jennifer Grey, die Darsteller des Originals, meisterten die Szene mit nicht viel weniger Inbrunst. Gelächter. Applaus. Die Nächsten, bitte.Dass das Publikum zum eigentlichen Hauptdarsteller des Abends wird, gehört bei God’s Entertainment zum Programm. "Wir koordinieren den Abend nur", sagt Ceko. "Das Ganze lebt von der Energie der Mitwirkenden."

Radikales Mitmachtheater


Mitmachtheater dieses Formats, das die Bühne als Ort definiert, an dem sich Zuschauer und Darsteller in ausgefallenen Szenarien begegnen, entstand bereits Ende der 90er Jahre; bekannt wurde die Spielform durch deutsche Theaterkollektive wie She She Pop, Gob Squat und Showcase Beat le Mot. God’s Entertainment stechen dabei durch erstaunliche Radikalität hervor. Viele ihrer Aufführungen drehen sich um die Frage: Wie weit darf man gehen?

In der Performance "Fight Club real tekken" steuerten zwei Zuschauer via Lichtsignal zwei Performer, die aufeinander einprügelten - letzten Endes führte die Gewaltbereitschaft des Publikums bei den Akteuren zu gebrochenen Rippen, blauen Augen und einer eingeschlagenen Nase. In der Produktion "Love Club" wurde Gewalt wiederum durch Sex ersetzt: Auch hier steuerten Zuschauer die Akteure, die sich in einem voll besetzen Saal gegenseitig auszogen, küssten, berührten - bis einer der Darsteller aufgab und ausschied.

Ein weiteres Charakteristikum der Combo sind übrigens bühnenfremde Akteure. In "Passantenbeschimpfung" wandten sich Drogensüchtige am Karlsplatz an Fußgänger und trugen den vorbeieilenden Passagen aus Peter Handkes Stück "Publikumsbeschimpfung" vor. In "Europa - schön, dass Sie hier sind" lasen Prostituierte, direkt von der Nachtarbeit kommend, Texte vor. "Wir zeigen die Schwächen des Systems auf", erklärt Boris Ceko die Motivation der bühnenreifen Provokation: "Wir polarisieren."