Wien. Manchmal erwächst künstlerische Bereicherung ausgerechnet aus einer Katastrophe: Im Fall von "Gogol" bestand diese in der krankheitsbedingten Absage von Hauptdarsteller Bo Skovhus. Nachdem die Hauptrolle der Oper, die das Theater an der Wien bei der Komponistin und Schriftstellerin Lera Auerbach in Auftrag gegeben hatte, genau auf die Stimme des dänischen Baritons zugeschnitten war, sah sich das Ensemble mit einem schier unlösbaren Problem konfrontiert - schließlich sollte "Gogol" vom RSO Wien unter der Leitung von Vladimir Fedoseyev in sechs Wochen aus der Taufe gehoben werden. Doch Auerbach und Regisseurin Christine Mielitz machten aus der Not eine Tugend: Die Aufteilung von Gogol auf zwei Sänger - Martin Winkler und Otto Katzameier - verleiht der inneren Zerrissenheit des Dichters zusätzlichen dramatischen Ausdruck.

Doppelter Gogol: Otto Katzameier (sitzend) und Martin Winkler (stehend) im Theater an der Wien.
Doppelter Gogol: Otto Katzameier (sitzend) und Martin Winkler (stehend) im Theater an der Wien.

Sehr zur Zufriedenheit der Komponistin, welche die dramatische Aktion als zentrales Moment der Oper sieht: "Für mich erfordert Theater in erster Linie Drama: Man muss das Publikum am Kragen packen und nicht mehr loslassen. Wenn ich ins Theater gehe, erwarte ich, dass ich berührt, zum Denken oder zum Weinen angeregt werde. Geschieht dies nicht, habe ich meine Zeit vergeudet."

Um das zu erreichen, ist der gebürtigen Russin, die seit 1991 in den USA lebt, jedes Mittel recht. Dabei geht es der 38-Jährigen nicht darum, um jeden Preis avantgardistisch zu sein: "Ich kann heute nicht im Stil von Schönberg schreiben - das war vor 100 Jahren, das sind die Dinosaurier. Mein Ziel ist es, vollständige Kontrolle über das Orchester zu haben und mir aller technischen Möglichkeiten bewusst zu sein. Aber wenn ich versuche, eine Neuheit um der Neuheit willen einzuführen, betrüge ich mich selbst. Originalität ist nur das Nebenprodukt wahrer Authentizität. In dem Moment, in dem ich mir Sorgen mache, meine eigene Stimme zu finden, habe ich keine Stimme."

Russischen Geist einfangen

Was also ist das Neue an dieser Oper, die heute uraufgeführt wird? "In mancher Hinsicht unterscheidet sich beinahe alles daran von jeder anderen Oper, die ich kenne", meint Auerbach. Der Komponistin, die selbst auch das Libretto verfasst hat, geht es nicht um ein biografisches Porträt des Dichters, der in einem Anflug von religiösem Wahn den zweiten Teil seines Romans "Die toten Seelen" verbrannte und sich anschließend zu Tode fastete. Vielmehr schuf sie die düster-poetische Figur eines Schriftstellers, der von seinen eigenen Geschöpfen heimgesucht wird. Nicht zuletzt sieht sich Auerbach in der russischen Tradition etwa eines Modest Mussorgski: "Meine Hoffnung war es, den russischen Geist einzufangen und einen weiteren Schritt in diese Richtung zu gehen." In der Bezeichnung "Opera-misteria" kommt jedoch noch eine weitere historische Verbindung zum Ausdruck, nämlich jene zum mittelalterlichen Mysterienspiel und zum Theater der griechischen Antike: "Mir gefällt am Theater seine Natur als verwandelndes Ritual, über die vielleicht keine andere Kunstform in diesem Ausmaß verfügt."

Darin sieht Auerbach auch, bei aller Historizität des Stoffes, die Aktualität ihres Opernerstlings begründet: "Als Menschen entwickeln wir uns nicht in darwinistischer Weise - wir werden nicht besser. Jede Generation, jede Person ist mit denselben Fragen konfrontiert. Darum ist es mir so wichtig, dass jedes Werk in eine Sphäre gelangt, wo es zwar seine eigene Zeit repräsentiert, sie aber auch überschreitet."