• vom 23.11.2011, 17:44 Uhr

Bühne

Update: 23.11.2011, 21:09 Uhr

Oper

Der Chansonnier mit dem Hammer




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Von Christoph Irrgeher und Edwin Baumgartner

  • Kaum ein Künstler provozierte im Wien der Nachkriegsjahre so sehr wie er
  • Georg Kreisler, im 90. Lebensjahr verstorben, war einst in Wien die große Ausnahme.

Irritation war für Georg Kreisler Programm: Der Künstler errang sich einen singulären Ruf als "Nestbeschmutzer".

Irritation war für Georg Kreisler Programm: Der Künstler errang sich einen singulären Ruf als "Nestbeschmutzer".© Foto: Andreas Schmidt Irritation war für Georg Kreisler Programm: Der Künstler errang sich einen singulären Ruf als "Nestbeschmutzer".© Foto: Andreas Schmidt

"Ich werde auch als Kabarettist sterben. Aber sowie ich tot bin, wird sich das ändern. Dann werden mich böse Menschen aus der Schublade nehmen, aus der ich nie herausklettern konnte. Aber wenn diese bösen Menschen merken, dass auch sie sterben müssen, werden sie mich wieder fallenlassen, und ich werde wegschwimmen, wer weiß wohin. Vielleicht werde ich ab dann meine Zukunft selber gestalten können."

Information

Der Opernkomponist Georg Kreisler

(eb) "Meine zweite Oper habe ich vor einigen Tagen abgeschlossen. Sie wird, wie meine erste Oper, kaum gespielt werden", sagte Georg Kreisler über "Das Aquarium oder Die Stimme der Vernunft". Die Oper Rostock wagte die Uraufführung – und verbuchte einen echten Erfolg.
Hatte Kreislers erste Oper, "Der Aufstand der Schmetterlinge", 2000 in Wien uraufgeführt, immerhin noch eine Handlung, so grotesk sie mit all den Morden und auferstehenden Toten auch sein mochte, so beschränkt sich "Das Aquarium" auf eine Ansammlung von sechs Personen auf der Suche nach der Vernunft, wobei von Beziehungsproblemen bis zur Quantenphysik manches Thema gestreift und keineswegs nur lächerlich gemacht wird.
Wer eine Aneinanderreihung von Songs erwartet, wird überrascht sein. Kreislers Musik ist die eines – ja, eben eines Opernkomponisten unserer Zeit. Da werden traditionelle Versatzstücke mit knarrenden Harmonien aufgepulvert, der herbe Kontrapunkt erinnert bisweilen an Dmitri Schostakowitsch, die Deklamation hätte Alban Berg, hätte er eine komische Oper geschrieben, vielleicht ähnlich gestaltet.
Kreisler sitzt mit seinen beiden Opern zwischen zwei Stühlen: Vom Kabarettisten erwartet man keine taugliche Oper, wenn er sie dennoch schreibt, erwartet man etwas Musicaleskes. Obendrein will Kreisler nicht vom Regietheater vereinnahmt werden: "In Deutschland gewinnt vorläufig noch Kušej. Denn das ist nicht wie im Fußball, wo meistens der Bessere gewinnt."


Die letzte Autobiografie des Georg Kreisler ("Letzte Lieder", 2009) liest sich bitter. Ganz verübeln kann man es dem Autor nicht. Jahrzehntelang hat er als Literat, Poet, Bühnenautor und Chansonnier den herrschenden Status quo kritisiert, oft mit beißendem Humor, teils mit lyrischer Eleganz, stets mit kompromissloser Energie. Allein: Was vom vermeintlichen Österreicher (was er seit seiner Emigration in die USA 1938 nicht mehr war) bleibt, ist für viele nur ein lustiges Lied vom "Taubenvergiften". Mit der Zeit verwandelten sich Kreislers Provokationen in breitenwirksames Amüsement. Ein Ärgernis, das ihn schon 1971 amtsmüde klingen ließ: "Ich sitz schon lang im Kabarett und singe Lieder / wie eine mutige, doch alternde Soubrette. / Und diese Lieder hören die Leute immer wieder und der Flieder / blüht im nächsten Jahr genauso violett", heißt es im Chanson "Zu leise für mich".

In den Wunden bohren
Georg Kreisler war freilich laut. Laut genug, um mit den einst neuen Liedern wirklich zu schockieren. Der scharfe Satiriker, der schon als jüdischer Emigrant in Übersee nur bedingt Erfolg hatte ("Please shoot your husband"), torpedierte seit seiner Rückkehr nach dem Krieg konsequent das österreichische Selbstverständnis. "Wo sind die Zeiten dahin, / als es noch g’mütlich war in Wien! / (...) Als noch der gute alte Hitler bei uns einmarschierte, / als man die jüdischen Geschäfte einfach arisierte", bohrte er in Kriegswunden - just zu einer Mozart-Melodie. Georg Kreisler - er war gewissermaßen der Chansonnier mit dem Hammer. Alles haute er in Trümmer: Ob strammes Law-and-Order-Denken ("Schützen wir die Polizei!"), Konzerthaus-Kulinarik ("Mozart, gut geübt, ist beliebt, weil er nie plötzlich in Gespräche kracht") oder die bornierte Schrebergarten-Mentalität des kleinen Mannes ("Blumengießen"). Und so zeugt auch das Chanson vom Taubenvergiften aus dem Jahr 1956 - ungeachtet der Frage, ob und wie viel es Tom Lehrers Song "Poisoning Pigeons in the Park" verdankt - von Kreislers humoristisch-aggressivem Geist. "Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau, geh’ ma Taubenvergiften im Park . . ."

Mit dieser Aggression stand der Sänger und fulminante Klavierspieler im Nachkriegswien freilich allein da. Zwar gab es zu dieser Zeit Kabarett, doch es entsprach der österreichischen Nachkriegskultur. 1945 war die nationalsozialistische Herrschaft zwar zu Ende gegangen, aber niemand wollte ihre Hinterlassenschaft aufarbeiten. Künstler, die ihre Karriere dem Nationalsozialismus zu verdanken hatten, wie etwa die Dirigenten Karl Böhm und Herbert von Karajan, standen ebenso in hohen Ehren wie die Autoren Karl Heinrich Waggerl oder Josef Weinheber. Andererseits herrschte bald auch wieder eine Strömung auf katholischer Basis vor, deren Protagonisten sich zwar vom Nationalsozialismus ferngehalten hatten, aber fest in einem christlich-konservativen Weltbild verankert waren wie der Dichter Rudolf Henz.

Die Österreichische Identität wiederum äußerte sich in einer Affirmation landestypischer Charakteristika. Franz Grillparzer wurde, weil zu klassisch überregional, vom Podest gestoßen, auf das Johann Nestroy gehoben wurde. Der Nationalstolz regierte. Und da mochte man es gar nicht so gern, wenn einer "aus dem Ausland" daherkam und Österreich, noch schlimmer: Wien kritisierte.

Kabarettisten wie Gerhard Bronner, Carl Merz oder Peter Wehle sprachen Missstände zwar an, jedoch so, dass es immer noch unterhaltsam war. Georg Kreisler hingegen riss kaum vernarbte Wunden auf und streute Salz in sie. Kaum einem anderen Nachkriegskünstler sagte man so oft und so intensiv nach, er sei ein "Nestbeschmutzer", und erst Thomas Bernhard weckte ähnliche Aggressionen, auch bei sonst grundvernünftigen Menschen.

"Gegen fast alles"
Kreislers Aggression, seine Lust am Radikalen, machten sich nicht nur als Schaffenskraft bemerkbar. Immer wieder eckte er bei Programmmachern und Kollegen an - und wechselte den Wohnort. Aus Wien zog es ihn nach Deutschland, von dort wieder nach Wien, auf Salzburg folgte Basel, zuletzt hauste er wieder an der Salzach. Zufriedenheit gehörte wohl nicht zum Vokabular des Mannes, der sich in seiner letzten Biografie ein "insulares Dasein" attestierte. Zu seinen drei Kindern hatte er keinen Kontakt mehr - und mit der Ex-Frau Topsy Küppers einen erbitterten Urheberrechtsstreit über das Stück "Heute Abend: Lola Blau" ausgefochten (den er gewann).

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Dokument erstellt am 2011-11-23 17:50:06
Letzte Änderung am 2011-11-23 21:09:56


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