Schon Ibsen gönnte seinem Sittenbild keinen Funken Hoffnung. Der Widerspruch von Idee und Interesse endet in einer Blockade, in der sich alle blamieren. Mit der Straffung dieses wortreichen naturalistischen Gesellschaftsdramas gewann Miguel Herz-Kestranek oft die Deutlichkeit eines polemischen Essays und manche satirische Lichter.

Doch auch die beherzteste Wehklage über Defizite an Moral und Recht nähert sich allzu knapp dem "Eh-schon-Wissen" der Stammtische. In allen Debatten über Politik und Medien drängen sich dieser Tage Zitate aus kritischen Dichand-Nachrufen auf: "Mein Blatt verstärkt nur die Meinung meiner Leser", "ich habe ein Gespür für die Stimmungen des kleines Mannes". Auch mit neuen Wörtern wie Realpolitik, Profilierungsneurose, Gestaltungsspielraum, Wendehälse wuchert die Gegenwart.

Das Bühnenbild von Peter Loidolt setzt hingegen auf zeitlose Symbolkraft: eine Berglandschaft, mit Pastellfarbflächen reduziert auf bunte Comic-Einfachheit, statt den Zimmern und Büros, aus denen Ibsen seit 1883 seine Zuschauer ohne Hinweis entlässt, wie sein genial geflochtener Konfliktknoten zu lösen wäre.

Denn irgendwie muss der Betrieb im Heilbad weitergehen, obwohl Kurarzt Dr. Stockmann im Zufluss - ein Rinnsal mit echtem Wasser auf der Bühne! - gesundheitsgefährdende Mikroben nachgewiesen hat. Der Bürgermeister mauert, das Lokalblatt eilfertig mit ihm. Dr. Stockmann wird entlassen und steigert sein Werben für Hygiene bis zur erschreckenden Forderung, dass die ganze Gelellschaft "desinfiziert" werden müsste.

Der zuletzt seine eigene und seiner Familie (seine Frau: Elisabeth Augustin, Tochter: Elisa Seydel) Existenz ruinierende Doktor wird im Nervenkleid eines unbremsbaren Euphorikers ins aussichtlose Rennen geschickt. "Kopfschüssler" nennt der Politikerslang solche Störenfriede. Diese stimmige psychologische Deutung von Miguel Herz-Kestranek empfiehlt den oftmaligen Reichenau-Gast für größere Wiener Bühnen.

Peter Matic ist als Bürgermeister ein unnahbar-steifer Grandsigneur, in schwarzer Uniform, mit Bowler, Silberknaufstock und Handschuhen wie ein Begräbnisarrangeur kostümiert. Er geht ja über Leichen und trägt die Vernunft zu Grabe, indem er den wissenschaftlichen Wasserbefund per Mehrheitsentscheid aufheben lässt. Seine Komplizen weiß er im Dickicht der Medienkooperationen: Eduard Wildner als Redakteur und Adlatus Hans Dieter Knebel sowie Wolfgang Pampel als Drucker Aslaksen. Bei Ibsen ist er Obmann des Hausbesitzervereins. Dieser Druckereibesitzer vertritt hier zusätzlich die Arbeiter und Angestellten. Offenbar ein Schlag mit dem Zaunpfahl auf die Sozialpartner. Rudolf Melichar, als Industrieller Verursacher der Umweltmalaise, wandert mit präsidialer Grandezza über den Bühnenberg.

Elfriede Jelinek schrieb eine Ibsen-Fortsetzung ("Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte?"), und auch das Thema "Volksfeind" böte sich an, ein sozial verträgliches Krisenmanagement durch sachlich kompetente, unkorrumpierte Politik durchzuspielen. Gegen Widrigkeiten, die Ibsen nicht ahnen konnte, und ohne Schwarzweiß und Holzhämmer.

Ein Volksfeind

Von Henrik Ibsen

Harald Wiesner (Regie)

Mit Miguel Herz-Kestranek

Theater Reichenau

www.festspiele-reichenau.com

Wh.: Bis 31. Juli