"Wiener Zeitung": "Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?", die Zitate aus Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" lesen sich doch wie eine Anklage der gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise.

Michael Schottenberg: Ganz genau. Das Stück hat überhaupt nichts von seiner Schärfe und Wahrheit eingebüßt, es ist wie gemacht für unsere gegenwärtigen Probleme. Bei Brecht war das Gangstertum noch am Rande der Gesellschaft angesiedelt, hat im Düsteren Sohos gewütet, heute ist es längst in der Mitte angekommen. Die heutigen Ganoven tragen elegante Anzüge, sind anerkannte Mitglieder der Gesellschaft und haben dennoch unser Vermögen verzockt - man denke nur an Leute wie Bernard Madoff oder Silvio Berlusconi.

Bei Brecht dominieren noch eindeutige Gut-Böse-Zuordnungen, die in der Gegenwart wohl nicht mehr genügen.

Die Übersichtlichkeit ist weg, sie war vielleicht zu keiner Zeit gegeben. Aber die Schwarz-Weiß-Malerei macht gerade den Charme Brechts aus. Schließlich ergreift er Partei für die Rechtlosen, das hat angesichts der Armut unserer Zeit und der explodierenden Arbeitslosigkeit nach wie vor Gültigkeit.

Die "Dreigroschenoper", eines von Brechts erfolgreichsten Stücken mit der Musik von Kurt Weill, ist im Bettlermilieu der Jahrhundertwende angesiedelt, wie verorten Sie das Stück bei der Premiere am kommenden Freitag, 16. Dezember?

Wir streben ein modernes Setting an. Mackie Messer empfinde ich als eine Art Popstar, auch Herrn Peachum stelle ich mir nicht alt und schrullig vor, das sind mächtige Leute, Personen der Seitenblicke- und Machtgesellschaft. Bei uns verkörpern Marcello de Nardo und Patrick O. Beck das Ganovenpaar, das nach dem Motto lebt: Das Böse zieht an, das Brave und Angepasste ist langweilig.

Wie definieren Sie die Aufgaben eines Volkstheaters heute?

Es ist ein Theater für alle, das Themen aufgreift, die auf der Straße liegen und aktuell sind. Ein Volkstheater muss sinnlich und kulinarisch sein, auf die Sprache, die Gerüche, die Klänge einer Stadt eingehen - es muss die Herzen öffnen. Wir haben von Kasperl bis Brecht, von Klassik bis zur Uraufführung, von Tango bis Clubbing, von politischen Diskussionen bis zum Kabarett das wohl vielseitigste Theaterprogramm der Stadt zu bieten. Mit dem Theater in den Bezirken ermöglichen wir zu Niedrigstpreisen bestes Theater. Volkstheater ist geistiges Grundnahrungsmittel, Theater, das sich selbst notwendig macht.

Das Volkstheater muss dringend baulich saniert werden, wie ist der aktuelle Stand?

Wir haben Kosten für die Sanierung erhoben, die sich auf 30 bis 35 Millionen Euro belaufen. Wir würden gern die 125-Jahr-Feier im Jahr 2014 zum Startschuss nehmen, um mit den Bauarbeiten zu beginnen, die Gespräche für die Finanzierung sind im Gange. Die letzte Sanierung liegt 30 Jahre zurück, die Technik, die sanitären Anlagen, die Sitzplätze müssen dringend überholt werden. Notwendige Einrichtungen für Zuschauer mit Handicap gehören durchgeführt. Zudem benötigen wir dringend ein Depot, in dem wir Bühnenteile lagern, um ein größeres Repertoire anbieten zu können.

Das Volkstheater war wiederholt wegen sinkenden Auslastungen und verlorenen Abonnenten in den Schlagzeilen. Wie läuft die aktuelle Saison?

Eine Rekordsaison bahnt sich an. Wir haben um 17 Prozent mehr Auslastung, im Vergleich zum Vorjahr haben wir seit Beginn der neuen Spielzeit (September bis November 2011) mehr als 11 Prozent, knapp 6000 Karten, mehr abgesetzt. Aber das sind nur Zwischenergebnisse, endgültige Zahlen kann ich erst zu Saisonende bekanntgeben. Aber auch Aufführungen wie "Die Reise", in der Asylanten und Migranten von ihrer Flucht nach Österreich berichten, sind ausverkauft. Und genau das ist, was mich freut: Wir machen relevantes Theater - und das Haus ist voll.