Wien. Ob als Buchautor, Schauspieler oder Vortragender: Wo Otto Schenk mitmischt, stellt sich Erfolg wie von selbst ein. Während er sich als Komödiant ins nationale Gedächtnis eingebrannt hat, ist seine Karriere als Opernregisseur jedoch vergleichsweise unbekannt. Etliche Stücke hat er an der New Yorker Met inszeniert, noch heute prangt an der Wiener Staatsoper manches opulente Bühnenbild einer Schenk-Regie. Nun überarbeitete der weiterhin agile 81-Jährige seine betagte "Fledermaus" für die Wiederaufnahme zu Silvester.

Lässt die "Fledermaus" wieder fliegen: Otto Schenk bei den Proben. - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Lässt die "Fledermaus" wieder fliegen: Otto Schenk bei den Proben. - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

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"Wiener Zeitung":Haben Sie sich je ausgerechnet, wie viele Abende Ihre Staatsopern-Inszenierungen erlebt haben?

Otto Schenk: Nein. Es waren an die 30 Arbeiten, die meisten sind oft gelaufen.

Ihr "Rosenkavalier" läuft seit 1968, hatte also noch vor der Mondlandung Premiere. Warum haben Ihre Regiearbeiten so ein langes Leben?

Weiß ich nicht. Ich glaube, für ein natürliches Gehabe auf der Bühne sind diese "Raster" verwendbar. Ich kann ja nicht sagen, dass das noch meine Inszenierungen wären; es sind höchstens uralte Vorschläge. An der Staatsoper werden sie aber von grandiosen Assistenten weitergegeben. Bei der Neueinstudierung der "Fledermaus" entsteht jetzt auch ein neues Regiebuch.

Haben Sie schon einmal eine Ihrer Operninszenierungen lange Zeit, nachdem Sie das letzte Mal Hand daran legten, gesehen? Und hat Ihnen der Anblick weh getan?

Meist ist es so. Ich war aber auch schon gerührt. Zum Beispiel sah ich an der Met meine "Rusalka" und wunderte mich, dass ich je so eine gute Inszenierung zusammengebracht habe. Ich gab neidlos zu, dass dieser Abend besser war als das, was ich damals inszeniert habe.

Sie haben sich einmal als "Partisanen der Wahrhaftigkeit" bezeichnet. Auf der anderen Seite gibt es eine Regieästhetik, die vor allem auf heutige Bezüge wert legt.

Ich weiß nicht, was an Natürlichkeit unheutig ist.

Etwa gewisse Kulissen . . .

Ich habe mich nie als Konservativen empfunden, habe auch mit unnaturalistischen Bühnenbildern inszeniert. Mir geht es darum, dass man bis ins kleinste Detail bestätigt bekommt, dass die Figuren echt, menschlich sind. Ich habe mich nie für eine Abstraktion, für Marionettisierung interessiert, auch nicht dafür, ein Stück in eine Zeit zu versetzen, wo das verlangte Benehmen unmöglich ist. Ich hab schon etwas gegen eine Krawatte des Wotan. Wenn jemand aber die Kraft oder das Genie hat, etwas zu erzählen, was anhand des Stückes zu erzählen ist, aber ganz anders ausschaut als dieses Stück, hat er meinen Segen. Aber ich bin dazu unbegabt. Glücklich unbegabt.

Bis 1997 waren Sie nicht nur Regisseur und Schauspieler, sondern auch Leiter des Theaters in der Josefstadt. Das wandte sich zuletzt wegen Geldmangels an die Öffentlichkeit. Was denken Sie über die Lage?

Ich mische mich nicht in direktoriale Sorgen ein. Die sind bei Herbert Föttinger in besten Händen.

Der Appell des Hauses (wenn die Subvention unverändert bleibt, könnte es zu Kündigungen kommen, Anm.) klang dramatisch.

Mit Recht. Die Löhne steigen, aber man fragt nicht, woher das Theater das Geld nehmen soll. Dabei deckt es seine Kosten zu einem weit höheren Teil selbst, als dies etwa das Burgtheater tut. Aber auch das ist okay. Wenn sich Wien oder der Staat ein Theater leistet, muss dieses Theater auch erhalten werden. So wie die Staatsoper. Die kann ja nie das einspielen, was sie kostet. Aber dafür red’t die ganze Welt von diesem Haus. Wien ohne Oper und Theater wäre ein blödes Provinznest mit fallweise kommenden Straßenbahnen. Aber auch die muss man subventionieren.

Ist die Arbeit an der Met anders?

Das kann man nicht sagen. Die Met ist ein großartig funktionierendes Haus, die Arbeitsbedingungen sind erstklassig. Natürlich gibt es aber auch dort immer die Angst, das Geld könnte knapp werden. Kunst ist einfach sehr teuer und arbeitsaufwendig. Wenn man einem Sänger eine Riesengage zahlt, muss man aber auch bedenken: Wer das ganze Haus bei erhöhten Ticketpreisen füllt, ist insofern ein relativ billiger Sänger. Anna Netrebko ist eigentlich günstig.

Apropos Sänger: Wird es bei der Wiener "Fledermaus" am Silvesterabend Überraschungsgäste geben?

Nein! Ich hasse Einlagen und habe Direktor Dominique Meyer gebeten, so etwas auf den Opernball zu verschieben. Einlagen halten die Handlung der "Fledermaus" nur auf.

War es schwer, Sie für die Überarbeitung Ihrer Regie zu gewinnen?

Meyer ist ein wunderbarer Verführer. Wir haben ein natürliches Gesprächsklima, und darüber hat er mich drangekriegt. Dabei ist die "Fledermaus" ein schwieriges Unternehmen. Sechs Stunden haben wir jeden Tag probiert. Aber ich habe auch wunderbare Sänger bekommen - Michaela Kaune, Kurt Streit . . . Es hat mich auch besonders interessiert, mit Peter Simonischek den Frosch zu erarbeiten - eine Rolle, die ihm nicht von Haus aus zugetraut wird. Unser Ehrgeiz ist es zu beweisen, dass er das ganz blendend kann.

Nach all den Stars, die den Frosch gespielt haben, könnte man ihn vermutlich die Buhlschaft der "Fledermaus" nennen . . .

Ja. Aber das ist auch eine sehr schwierige Rolle. Entweder wird der Frosch verblödelt, verpolitisiert oder mit Improvisationen versehen, die nicht zum Stück passen. Das geht mir auf die Nerven. Das Schwierige ist, die wirklich blöden Witze des Froschs gut zu bringen. Wenn er wirklich zerstört vom Alkohol wirkt, dann glaubt man, dass er diesen Blödsinn reden kann. Dann amüsiert das. Ich selbst hab die Rolle rund 100 Mal gespielt, ich hatte große Angst vor dem Frosch. Man hat so wenig Fleisch, und das Publikum wartet auf eine Bombe. Ob die explodiert, ist allerdings fraglich - wie etwa damals, als ich die Rolle in New York auf Englisch gespielt hab. Es ist komischerweise aber auch dort gelungen: Ich hab so ein schlechtes Englisch gesprochen, wie es ein Frosch reden würde. Und das hat denen dann besonders gefallen.