• vom 24.06.2010, 16:42 Uhr

Bühne

Update: 24.06.2010, 16:43 Uhr

Gyula Harangozó, scheidender Ballettchef der Wiener Staatsoper und Volksoper, zieht eine positive Bilanz

"Aus Wien kann nicht Paris werden"




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Von Verena Franke

  • Harangozó übergibt nach fünf Jahren positiv aufgestelltes Ballett.
  • Zusammenlegung verbesserte Qualität.
  • Ein guter Tänzer macht noch keinen Direktor.
  • "Wiener Zeitung": Ihre Amtszeit geht dem Ende zu. Hätten Sie Ihre Arbeit noch gerne fortgesetzt?
  • Gyula Harangozó: Jetzt hätte man mit der Kompanie weiterarbeiten können. Man braucht drei bis fünf Jahre, bis ein Ensemble so zusammenwächst, dass man es auch künstlerisch gut leiten kann.

Aber ich hab auch mit dem Gedanken gespielt, dass ich nach insgesamt 15 Jahren als Ballettdirektor etwas anderes machen oder eine Auszeit nehmen könnte. Doch hätte ich noch fünf Jahre angeboten bekommen, hätte ich angenommen, weil ich mich für meine Tänzer und Mitarbeiter verantwortlich fühle.


Gibt es Dinge, die Sie anders gemacht hätten?

Natürlich. Ich hätte in der Volksoper einiges anders gemacht, denn mein erstes Jahr war dort nicht sehr zufriedenstellend. Ich kenne die Oper in- und auswendig. Ich bin mit Operette aufgewachsen in Ungarn, aber ich habe nie in einem Operettentheater gearbeitet. Tatsache ist, dass diese Kompanie existiert, weil dort ein Ensemble gebraucht wird. Was man dem Publikum anbieten kann, war mir ein bisschen fremd. Ich habe gedacht, modernes Programm kann man ohne weiteres auf die Beine stellen, aber diese Richtung hat nicht sehr gut funktioniert.

Dann haben Sie Ihre Strategie verändert?

Matthew Rushing in Aileys "Pas de ,Duke". Foto: P. Szilard Prod.

Matthew Rushing in Aileys "Pas de ,Duke". Foto: P. Szilard Prod. Matthew Rushing in Aileys "Pas de ,Duke". Foto: P. Szilard Prod.

Ab dem zweiten Jahr habe ich taktisch in eine andere Richtung gesteuert; das hat sehr gut eingeschlagen. Jetzt ist die Auslastung durchschnittlich in beiden Häusern zwischen 92 und 93 Prozent. Das ist ein spektakulärer Wert. Im deutschsprachigen Raum freut man sich schon über 80 Prozent. Wir sollten nicht vergessen, dass keine Fachleute zuschauen. Ballettliebhaber sind subjektiv und nicht als Fachkräfte zu verstehen. Für eine gute Auslastung ist sehr wichtig, dass man die Wünsche des Publikums berücksichtigt.

Würden Sie sagen, das Handlungsballett wird in Wien bevorzugt?

Ja, nicht nur in Wien. In Frankfurt ist das Ballett mit modernen Programmen zugrunde gegangen.

Die Zusammenlegung des Volks- und der Staatsopern-Ballett ist Ihr Baby. Hat sich das ausgezahlt?

Absolut. Das Ballett zieht in einem Kulturbetrieb immer den Kürzeren und hatte wenige Vorstellungen. Wenn man pro Jahr 40 bis 50 Aufführungen tanzt, kann man keine anspruchsvollen Ensemble-Mitglieder an das Haus binden. Das ist ein Riesenproblem. In der Volksoper gab es immer ein Tanzensemble, das aber für Ballettvorstellungen nicht so gut geeignet war wie jenes von der Staatsoper. Mit dieser Zusammenlegung haben die, die in der Volksoper stationiert sind, eine bessere Qualität erreicht. Das Wichtigste ist aber: Sie haben etwa 180 Vorstellungen pro Jahr. Sie steppen, singen, sprechen und tanzen. Ich habe Riesenrespekt vor ihnen. In den ersten Jahren war es schwierig, die Logistik zu erarbeiten. Jetzt weiß jeder, wie es geht.

Jetzt läuft es in geordneten Bahnen?

Ich glaube, dass diese Kompanie jetzt so gut funktioniert, ist eine sehr heikle Sache, denn man muss zwischen den zwei Teilen der Kompanie und der Ballettschule eine gute Balance haben als Direktor. Wir sind finanziell sehr gut aufgestellt und ich werde meinem Nachfolger einige hunderttausend Euro hinterlassen. Kürzlich waren es an die 650.000 Euro plus.

Harangozó verlässt wehmütig aber zufrieden sein Ballett. Foto: Strasser

Harangozó verlässt wehmütig aber zufrieden sein Ballett. Foto: Strasser Harangozó verlässt wehmütig aber zufrieden sein Ballett. Foto: Strasser

Der Startänzer Manuel Legris als Chef in Wien, wie sehen Sie das?

Looking forward.

Welchen Tipp würden Sie ihm speziell für Wien geben?

Jeder muss selbst Pläne haben und wissen, wie er diese verwirklichen kann. Ich glaube, er braucht meine Tipps nicht. Obwohl er mir vom Geschmack her, bezüglich Tänzer- und Rollenauswahl sehr ähnlich ist. Ehrlich gesagt, freue ich mich, dass fast die ganze Kompanie zusammengeblieben ist. Denn er hatte freie Hand, die Besten auszuwählen. Das ist ein Ritterschlag für mich, eine Bestätigung meiner Arbeit. Doch aus Wien kann man nicht Paris machen. Wien ist anders.

Mit welchem Gefühl gehen Sie von hier? Auch mit Wehmut?

Natürlich auch Wehmut, aber sonst ein sehr gutes Gefühl. Ich lebe seit fast 20 Jahren in Wien. Es ist aber auch Wehmut, weil ich etwas mit Erfolg gemacht habe. Ich habe die Tänzer und meine Mitarbeiter sehr lieb gewonnen. Ich freue mich auch über das Ende meiner Direktorenschaft, und da ist auch Zufriedenheit. Schauen wir einmal, was kommt.

Angeblich werden Sie Chef der Budapester Oper?

Die neue ungarische Regierung hat Interesse gezeigt. Ioan Holenders jahrelange Beratertätigkeit soll ausgeweitet werden. Man hat mir angeboten, aufgrund der guten Zusammenarbeit in Wien weiterhin mit ihm zu kooperieren. Ich war zehn Jahre lang in der Staatsoper und kenne die Mechanismen dort, ich kenne die Mentalität und spreche im Notfall auch Ungarisch. Wir sind bei den Verhandlungen gut unterwegs. Ich kann noch nichts Konkretes sagen.

Es hat immer geheißen, Holender mag Ballett nicht sonderlich.

Als mir kürzlich das Österreichische Ehrenkreuz verlieren wurde, hat er die Laudatio gehalten, und er hat gesagt, ihm hat am besten gefallen, dass ich alles allein erledigt habe. Er hatte nichts mit dem Ballett zu tun und keine Probleme. Ich bin es gewohnt, alle Probleme allein zu lösen. Das habe ich schon in Ungarn gemacht.

Was macht einen Ballettdirektor aus?

Man muss viel Fingerspitzengefühl, Erfahrung und einfach das Zeug dazu haben. Wenn jemand gut Pirouetten dreht, so ist das noch kein Garant, dass man auch eine Kompanie leiten kann. Nicht jeder gute Sänger wird ein guter Operndirektor. Das sind zwei Paar Schuhe. Ein Operndirektoren ist kein Solokünstler. Ein Solist ist daran gewöhnt, immer hervorzustechen, manchmal auf Kosten anderer. Diese Einstellung umzuwandeln, nämlich dass man in den Hintergrund tritt, ist schwierig. Oft ist es wie bei einem Fußballspiel, wo in der Hitze des Gefechts Dinge gesagt werden, die man schnell wieder vergessen sollte. Wenn man da nicht die Ruhe bewahrt.. . Wenn ich nach meiner Karriere als Tänzer Direktor geworden wäre, wäre dort kein Gras gewachsen. Inzwischen habe ich gelernt, Menschen und einer Sache zu dienen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-06-24 16:42:08
Letzte Änderung am 2010-06-24 16:43:00

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Bille August.


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