Wien. "Der Kalender ist ein Wahnsinn. Ich weiß schon heute, was ich 2017 mache. Dabei könnte es sein, dass ich dann gar nicht mehr lebe!" Dennoch kein Grund, den eigenen Beruf zu verabscheuen, werkt Saimir Pirgu doch derzeit erfolgreich und omnipräsent in der Opernwelt: Ab heute singt der albanische Tenor im Theater an der Wien, danach geht’s weiter nach Barcelona, New York, San Francisco, L.A., London . . . "Ich liebe meinen Beruf, weil ich in einem Jahr die ganze Welt sehe. Und zwischen den einzelnen Vorstellungen hab’ ich frei. An diesen Tagen gibt’s nur Singen und Unterhaltung, Arbeit und Schlafen."

Zudem sind die Arbeitsstätten des Saimir Pirgu ja auch außerhalb Wiens (wo er immer wieder an der Staatsoper zugange ist) nicht übel. Met, Covent Garden, Salzburger Festspiele: Mit seinem schmeichelweichen Tenor ist der 30-Jährige in der Riege der ariensingenden Global Player verankert.

Das hindert ihn dennoch nicht, auch kritische Gedanken über die Sangeszunft zu äußern. Gibt es, wie manche Opernfreunde lamentieren, heute zu wenig gute Tenöre? Ja, meint Pirgu, aber aufgrund des vergrößerten Aktionsradius. "Gute Sänger haben heute tausend Möglichkeiten. Die können jetzt hier, morgen Früh in New York sein. Wer Geld hat, kann sich einen guten Sänger leisten - das ist die Globalisierung." Und so hätten dann auch führende Opernhäuser nicht an jedem Abend die Möglichkeit, auch einen führenden Sänger zu präsentieren. Für den Opernstar selbst wiederum bedeutet der Job heute nicht nur mehr Reisen durch die Welt, sondern auch mehr Mobilität im Repertoire, weil Publikum und Intendanten stets nach Neuem gieren: ein Stress, der durchaus auch karriereverkürzend wirken könne. Pirgu: "Früher hatte man Zeit! Da war man etwa drei Monate mit einer Traviata auf Amerika-Tournee." Diese Bedächtigkeit belächelt er keineswegs: "Damals ging es allein um die Qualität. Mir ist eine Arie mit Qualität wichtiger als tausend Arien mit gar nichts."

"Mit Abbado geboren"

Überhaupt, Qualität: Das Wort fällt oft, wenn Pirgu in leicht gebrochenem, dafür umso sprudelnderem Deutsch auf sein Gegenüber einredet. Auch Selbstkritisches kommt ihm da über die Lippen: Was die Leute besonders schätzen, habe zwar schon immer viel gekostet. Aber das Teuerste müsste noch lange nicht das Allerbeste sein. "Es kann sein, dass es in Europa viel bessere Sänger als den Herrn Pirgu gibt. Aber im Moment kostet der Herr Pirgu." Das sei irgendwie "eine dumme Situation".

Pirgus Konto mag das zwar kaum gefährden, wohl aber eine ungetrübte Selbsteinschätzung. Doch dafür hat er immer noch seinen Lehrer Vito Maria Brunetti. Der feilt mit Pirgu nicht nur an der Technik, sondern sage ihm auch die ungeschminkte Wahrheit.

Eine ebenso qualitätssichernde Maßnahme ist für Pirgu die Arbeit mit Dirigenten-Granden - denen er auch viel verdankt. "Mit Claudio Abbado wurde ich geboren", beschreibt er seinen Durchbruch mit Mozarts "Così" 2004; 2008 hievte Nikolaus Harnoncourt den Jüngling in die Titelrolle des "Idomeneo". Pirgu: "Man kann etwas erreichen, wenn einem ein Großer hilft. Wenn es die nicht mehr gibt, wird die Welt mittelmäßig sein."

Lernen hätte er wohl auch im Theater an der Wien von Kirill Petrenko können, der für die aktuelle Premiere zweier russischer Raritäten gebucht war (Tschaikowskis "Iolanta", Rachmaninows "Francesca da Rimini") - dann jedoch erkrankte. Im Musikchef des Bolschoi-Theaters hat man aber fachkundigen Ersatz gefunden: Vassily Sinaisky dirigiert, wenn Pirgu nun erstmals auf Russisch zwei Herzensdiebe singt. Im Mai kehrt der Globetrotter dann übrigens für einen romantischen Nachschlag zurück: als Alfredo in der "Traviata" bei den Wiener Festwochen.