Poetisches Requiem: Johann Adam Oest in "Das fliegende Kind", Uraufführung am Samstag, 4. Februar. - © Reinhard Werner.Burgtheater.
Poetisches Requiem: Johann Adam Oest in "Das fliegende Kind", Uraufführung am Samstag, 4. Februar. - © Reinhard Werner.Burgtheater.

Das Gegenwartsdrama genießt nicht den besten Ruf. Es sei weitgehend inhaltsleer und komme ohne starke Charaktere aus - so lauten die Vorwürfe. Tatsächlich hat die aktuelle szenische Textarbeit keine Bühnenfigur hervorgebracht, die es mit dem Eigensinn eines Hamlet oder einer Medea aufnehmen könnte. Die Zeit der großen Helden und der epochalen Geschichten scheint vorbei zu sein. Oder?

Krise des Dramas

Es gibt einen deutschsprachigen Autor, um den sich alle Bühnen reißen. Roland Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, gehört derzeit zu den gefragtesten Dramatikern. Seit 1996 wurde jährlich mindestens ein, manchmal auch zwei neue Schimmelpfennig-Stücke uraufgeführt; seine bisher 30 Dramentexte werden in über 40 Ländern gezeigt, und der gebürtige Göttinger wurde mit Preisen überhäuft. Sein jüngstes Stück, das poetische Requiem "Das fliegende Kind", wird am Samstag, 4. Februar, in der Regie des Autors am Akademietheater uraufgeführt.

Grund genug für eine Standortbestimmung: Wie ist es um das Gegenwartsdrama bestellt, oder: Was hat Schimmelpfennig, was andere nicht haben? Von der Krise des Dramas wird seit den 1950er Jahren gesprochen. Seitdem wird man das Dilemma nicht mehr los: Die Zweifel, ob sich die disparate Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts überhaupt in spielbarer Handlung abbilden lässt, sind sogar eher noch verstärkt worden. Auf die Infragestellung des Darstellbaren reagieren vereinzelte Dramatiker, indem sie heftig gegen die Regeln der Gattung opponieren und Texte für das Theater schreiben, die sich mit herkömmlichen Kriterien kaum oder gar nicht mehr fassen lassen. Der Begriff des "postdramatischen Dramas" war geboren.

Stilmittel der experimentellen Literatur - wie Zitat und Montage, Ironie und Satire, Verdichtung und Verfremdung - prägen das Drama des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts wie kaum einer Epoche zuvor. Auf der Bühne vernimmt man immer öfters scheinbar sinnentleerte Dialoge; man beobachtet Schauspieler, die sich an sprachgewaltigen Textkonvoluten um Kopf und Kragen palavern.

Plausible Protagonisten oder stringente Handlungen sind zunehmend seltener auszumachen, der Zuschauer muss sich auf die parataktische Abfolge des Geschehens, auf das unverbundene Nebeneinander zweier Ereignisse, einlassen.

In der allgemeinen Not der Narration fällt ein Autor wie Roland Schimmelpfennig besonders auf, weil er eine neue Haltung gegenüber dem Erzählen anbietet. Er greift bewährte Mittel des epischen Theaters auf - Kommentar, Bericht, Ausstieg aus der Situation, Unterbrechung der Handlung - und verwendet diese auf völlig neue Weise zur Dramatisierung komplizierter Geschichten. Seine Form des Erzähltheaters ermöglicht es Schimmelpfennig, komplexe Abläufe zu gestalten, die in einem geschlossenen dramatischen Kosmos nicht ohne weiteres realisierbar wären. Der Dramaturg Bernd Stegemann hat für Schimmelpfennigs Arbeitsweise den Begriff "postepisch" geprägt.