Die Rückkehr des Plots

In "Die arabische Nacht", einem der bekanntesten Stücke Schimmelpfennigs, mit dem ihm 2001 der Durchbruch als Dramatiker gelang, finden die fantastisch anmutenden Reisen in den Traum- und Märchenwelten der Protagonisten einfach dadurch statt, dass diese unentwegt davon erzählen, wo sie gerade sind und was sie dort gerade tun.

Mit dieser Form der gesprochenen Prosa experimentiert der Autor, der seine Laufbahn als Journalist, Regieassistent und Dramaturg an der Berliner Schaubühne begann, mit Vorliebe. In dem Rachedrama "Die Frau von früher" (2004) hantierte der Autor mit raffinierten Zeitsprüngen und Wiederholungen, die den ganzen Kontext einer Szene erst nach und nach offenbaren. Die Figuren und das Geschehen selbst werden auf diese Art laufend aus neuen Blickwinkeln betrachtet.

Das Verfahren setzte Schimmelpfennig auch in seiner zu Recht viel gelobten globalisierungskritischen Farce "Der goldene Drache (2009) um. Der Autor brachte die Uraufführung in eigener Regie am Akademietheater heraus, die puristisch-präzise Inszenierung wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen und mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet.

Nach "Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" (2010), einem Stück über bürgerliches Leben und die Verantwortung gegenüber der Dritten Welt, inszeniert Schimmelpfennig nun erneut selbst eine Uraufführung in Wien. In seinem jüngsten dramatischen Werk dehnt er die Grenzen seines Erzähltheaters noch weiter aus, indem er die Berichte nicht an einzelne Sprecher, sondern fallweise an einen Chor bindet.

"Das fliegende Kind" handelt von einer schicksalshaften Verkettung von Ereignissen, die dazu führen, dass ein Kind auf offener Straße überfahren wird. Wie häufig in Schimmelpfennigs Dramaturgie kommt auch hier dem Zufall eine tragende Rolle zu.

Schimmelpfennigs Bühnentexte bringen gewissermaßen durch die stets raffinierte Konstruktionen die Handlung wieder auf die Bühne zurück. Einen gewissen Schwachpunkt stellen bei dem Vielschreiber jedoch die Bühnenfiguren selbst dar.

Randfiguren im Leben

Der typische Schimmelpfennig-Protagonist bleibt auf eigentümliche Weise holzschnittartig. Auch wenn den Figuren Tragisches widerfährt, ist es so, als ob sie an ihrem Schicksal nicht wirklich beteiligt wären.

Der deutsche Philosoph Hegel konzedierte einst, dass sich der Charakter einer Figur in seinen Handlungen offenbare. In der Gegenwart, so lässt sich die Passivität des Schimmelpfennigschen Bühnenpersonals wohl interpretieren, ist ein beherztes Eingreifen in die Mechaniken der Welt kaum mehr möglich. Es sind deshalb Randfiguren in ihrem eigenen Bühnenleben, die Roland Schimmelpfennig auf dem Podium zum Leben erweckt.